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Wie Ischgl Corona in die Welt exportierte

von Red
22. März 2020
in Gsiberg, Politik, Welt
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Von Oliver Natter

Als die Warnungen zum Coronavirus schon überall in Europa kursierten, erschien Ischgl noch wie eine Oase der Gesundheit.

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Selbst am 5. März gab es weder eine Warnung noch irgendeine Nachricht der Behörden oder Hoteliers in Ischgl. Dabei hatte Island am 5. März Ischgl als Risikogebiet eingestuft, zusammen mit Wuhan und dem Iran.

Am 29. Februar waren mehrere Isländer, die in Ischgl auf Urlaub waren, positiv am Flughafen in Reykjavic auf Corona getestet worden.

Laut Gesundheitsminister Anschober ging es dann folgendermaßen weiter: „Die Isländer haben die Infizierten unter Quarantäne gestellt, ihre Bewegungsprofile erstellt, die Tiroler haben nach den Namen der Betroffenen gefragt und dann versucht, den Ansteckungsherd auszumachen. Das ist ja eine fast detektivische Arbeit. Ischgl hatte bis dahin keinen bestätigten Covid-19-Fall. Man hatte deshalb und laut Landeshauptmann Platter aufgrund einer Zeugenaussage anfänglich die These, dass beim Rückflug eine erkrankte Person im Flieger die anderen Insassen angesteckt habe. Nachdem man nach den umfassenden Recherchen dann aber die Après-Ski-Bar als Ausgangspunkt eruiert hatte, hat man sie sofort gesperrt. Das war am 9. März.“ (Anschober am 15.3. in einem Interview mit dem Falter)

Eine Zeugenaussage war also Grund genug keinerlei Warnung an die Urlauber zu geben?

Es sei „wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist“, sagte damals Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber.

Die Party ging weiter und hunderte Urlauber steckten sich mit dem Coronavirus an. Mindestens 130 Menschen in Dänemark haben sich laut dem dänischen Gesundheitsministerium in Ischgl angesteckt. Vor allem traf es aber Deutschland. Ischgl ist bei deutschen Urlauberinnen und Urlaubern sehr beliebt. In Deutschland sind mittlerweile in 20 Landkreisen Ischgl-Infizierte bekannt.

Am 7. März wurde ein aus Deutschland stammender Barkeeper positiv auf das Coronavirus getestet. Der Mann arbeitet in der Après-Ski-Bar Kitzloch. Die beliebte Bar an der Talstation war immer voll.

Am 8. März gab das Land Tirol in einer Medieninformation noch folgende Meldung heraus: „Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich“ informiert Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion Tirol.

Weiters: „Für alle Besucherinnen, die im besagten Zeitraum in der Bar waren und keine Symptome aufweisen, ist keine weitere medizinische Abklärung nötig“. (Quelle Medieninformation Land Tirol 8.3.2020)

Dies war – gelinge gesagt – verantwortungslos und beschönigend.

Erst am 10. März wurden alle Lokale geschloßen. Am 14. März riefen Gesundheitsminister Anschober und Innenminister Nehammer alle Personen, die sich seit dem 28. Februar in Ischgl aufgehalten haben, dazu auf, sich „in häusliche Selbstisolation zu begeben“. 

Die Kritik in den nationalen und internationalen Medien ist sehr groß. Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) wies Montagabend in der ORF-Nachrichtensendung ZIB2 alle Vorwürfe zurück.  Die Fakten sprechen aber gegen seinen Verteidigungsversuch. Ischgl gilt jetzt als Brutstätte Nr. 1 für den Coronavirus in ganz Europa. Der Standard schrieb: „Die Gier hat die Verantwortung für die Gesundheit der Bürger und Gäste besiegt.“

Österreich hat seinen ersten Coronaskandal. Dies darf nicht unter den Tisch gekehrt werden.

Tags: Coronavirus
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Kommentare 5

  1. Thomas Bertram says:
    6 Jahren her

    Die letzten beiden Sätze treffen es zu 100%.

  2. Eduard Brommer says:
    6 Jahren her

    Herzlichen Dank für diesen wirklich investigativen Bericht. Man findet nur wenige Medien in Österreich, die den Mut haben, die Dinge anzusprechen, wie sie wirklich sind – ohne zu beschönigen, zu verharmlosen oder ganz vom Thema abzulenken. Das ist auch der Grund, warum ich nun regelmäßig bei Ihnen lese!

    • NAOL says:
      6 Jahren her

      Vielen Dank Eduard. Ihre Rückmeldung freut uns sehr. Wir sind unabhängig und werden daher noch viele kritische Berichte bringen.

  3. Stefanie Marte says:
    6 Jahren her

    Im „unter den Teppich kehren“ ist Österreich ja Weltmeister, da hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust wenig bis gar nichts verändert 🙁

  4. Christina Bischofberger says:
    6 Jahren her

    So viele Menschen haben leider ihre Jobs verloren. Bei dieser Frau Anita Luckner-Hornischer wäre es hingegen begrüßenswert.

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