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Almen brauchen gemeinsame Strategie von Landwirtschaft und Tourismus

von Red
4. Februar 2021
in Österreich
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Experten am Fachtag Berg&Wirtschaft der 68. Wintertagung des Ökosozialen Forums: Braucht Daten zur Almnutzung, um Maßnahmen im Sinne einer aktiven Almwirtschaft und zum Erhalt der Ökosysteme abzuleiten.  

Kuhurteil, große Beutegreifer, Vermüllung und Mountainbiker: Konfliktpotenzial gibt es auf den Almen genug. Jede Nutzungsgruppe – ob Landwirtschaft, Tourismus- und Freizeitwirtschaft oder Umweltschutz – sieht in der Regel die eigenen Ansprüche als berechtigt an und blendet jene von anderen Gruppen gerne aus. Beim Fachtag Berg&Wirtschaft der Wintertagung 2021 des Ökosozialen Forums diskutierten die Expertinnen und Experten die verschiedenen Ansprüche, zeigten Synergien auf und stellten Ideen vor, um unsere Almen krisenfest zu machen. Insgesamt waren ca. 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer via Livestream dabei. In der Wintertagungs-Mediathek stehen Best-Practice-Beiträge on demand zur Verfügung, die innovative Initiativen und alternative Vermarktungsmöglichkeiten von Almwirtschaftsprodukten vorstellen. Diese sollen für einzelne Betriebe den Blick öffnen und dazu ermutigen, etwas Neues zu versuchen. 

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Mayrhofer: Müssen das Ökosystem Alm schützen 

„Der Fachtag Berg&Wirtschaft ist uns ein ganz besonderes Anliegen, weil wir glauben, dass das Wirtschaftszentrum rund um den Berg ein ganz wichtiges und ein Role Model für andere Länder ist“, so der Generalsekretär des Ökosozialen Forums Österreich & Europa, Hans Mayrhofer. „Die Zusammenarbeit und die Verflechtung der Wirtschaft- und der Anspruchsräume ist eng und intensiv. Auf der Alm leben Leute oder sie kommen hin, um zu arbeiten oder sich zu erholen. Die Nutzungsintensität ist also hoch. Gleichzeitig gilt es, diesen Raum zu schützen. Dabei müssen wir auf den Klimawandel, die Biodiversität und die Übernutzung durch den Tourismus Rücksicht nehmen.“  

Mitterer-Leitner: Intakte Natur ist im Interesse aller Gruppen 

Die möglichen Nutzungskonflikte und Lösungsansätze arbeitete Theresa Mitterer-Leitner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsschwerpunkt Tourismus & Landwirtschaft am Management Center Innsbruck, wissenschaftlich auf. Sie stellte dazu die Studie „Zusammenarbeit und Nutzungskonflikte zwischen Tourismus und Landwirtschaft“ vor, die im Auftrag der Tirol Werbung und der Landwirtschaftskammer Tirol erstellt wurde. Für die Studie wurden 64 Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern der Landwirtschaft, des Tourismus sowie mit Expertinnen und Experten geführt.  

„Durch die intensivere Nutzung gibt es mehr und steigende Konflikte, die aus fünf Quellen herrühren: unterschiedliche Werte, die Beziehung zwischen den Nutzergruppen, der Informationsstand, die Interessen der Parteien sowie strukturelle Rahmenbedingungen. Zu den Werten ist zu sagen: Die Bäuerinnen und Bauern haben eine enge Bindung zur Alm, die für sie einen hohen ideellen, emotionalen und betrieblichen Stellenwert über Generationen hat. Wichtig ist ihnen auch, dass die Alm wieder mehr als ihr Eigentum angesehen wird und weniger als öffentlicher Raum. Das führt oft zu Konflikten von Freizeitnutzerinnen und -nutzern mit den Bäuerinnen und Bauern, die eine Balance zwischen agrarischer und touristischer Nutzung fordern. Viele glauben, dass die Grenzen bereits erreicht sind, und sehen die eine drohende Übernutzung. Den Tourismusverbänden ist wichtig, ihre Aufgaben wahrzunehmen und einen Interessenausgleich zu schaffen. Wesentliches Ziel sind eine hohe Angebotsqualität für Touristinnen und Touristen, der Erhalt der Kulturlandschaft und eine intakte Natur.“ 

„Weitere Lösungsansätze sind eine prioritäre Rücksichtnahme auf die Almwirtschaft und ihre Abläufe. Die touristischen Angebote sollen in enger Zusammenarbeit mit den Bäuerinnen und Bauern geschaffen werden. Es braucht zudem ein Raum- und Wegemanagement auf Basis von Daten zur Nutzungsentwicklung, eine weitere stärkere Bewusstseinsbildung bei den Freizeitnutzerinnen und -nutzern, dass das Almgebiet wirtschaftlich genutzt wird, und eine klare Grundhaltung bezüglich der Raumnutzung und Abgeltungen. Im Sinne einer nachhaltigen touristischen und landwirtschaftlichen Entwicklung braucht es außerdem eine gemeinsame Zukunftsausrichtung und eine Strategie „Tourismus und Landwirtschaft“.“ 

Neureiter: Negativspirale bei Weidenwirtschaft stoppen & Almen krisenfest aufstellen 

Elisabeth Neureiter, Bereichsleiterin Agrar beim Maschinenring Salzburg, ging der Frage nach, wie krisenfest Österreichs Almen sind und welche Lehren man aus der COVID-Krise zieht. „Der Klimawandel schreitet voran und wirkt sich auf die Almen aus. Im gesamten Alpenraum nimmt die permanente Schneefläche ab, wodurch die Sonneneinstrahlung weniger reflektiert wird. Stattdessen haben wir Felsen, die die Wärme speichern. Das hat Folgen: Der Frühlingseinbruch kommt früher, das Pflanzenwachstum auf den Almen setzt bereits Mitte Mai und nicht erst im Juni und Juli ein. Auch die Zahl der Almen und der Betriebe, die Tiere auftreiben, ist stark im Sinken. Das bringt ein Dilemma mit sich: Es wächst mehr Biomasse auf, die weniger Tiere beweiden. Die Tiere kommen zudem erst auf die Weide, wenn das Vegetationsstadium bereits weit fortgeschritten ist und fressen dann selektiv. Dadurch verbleibt viel Futter auf der Fläche mit wenig Futterwert. In der Folge nehmen die Verungrasung und das Wachstum von Zwergsträuchern zu und die Futterfläche sinkt, weshalb noch weniger Tiere aufgetrieben werden. Somit steigt auch das Naturgefahrenpotential, wenn es unter dem Druck des Niederschlags zu einer Mattenbildung kommt, auf der Wasser ungebremst abfließt und wodurch die Lawinengefahr steigt.“  

„Wie krisenfest sind unsere Almen? Die Almwirtschaft ist in einer Zerreißprobe mit besonders starken Nutzungskonflikten im alpinen Grasland zwischen einer aktiven Landwirtschaft, die auch Einkommenschancen bietet, der Freizeitwirtschaft und dem Naturschutz. Es braucht daher eine aktive, dem Aufwuchs angepasste Weidewirtschaft, um das alpine Grünland langfristig zu erhalten. Die Almwirtschaft ist ein wichtiges Standbein für viele Betriebe im Berggebiet, trägt maßgeblich zum Erhalt der Ökosysteme bei und mit den richtigen Rahmenbedingungen auch zum Erhalt einer Struktur auf Basis von Familienbetrieben, die sich als sehr krisenfest erwiesen hat.“ 

Wintertagung 2021 in neuem Format  

Bei der 68. Wintertagung macht sich das Ökosoziale Forum von 21. bis 28. Jänner 2021 mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf die Suche nach Lösungsansätzen für eine nachhaltige, zukunftsfitte und resiliente Wertschöpfungskette bei Lebensmitteln. Unter dem Motto „Gemeinsam is(s)t man besser: Gemeinsam aus der Krise lernen. Gemeinsam zukunftsfit werden.“ werden Wege und Perspektiven für die Landwirtschaft erörtert. Dabei sind jede und jeder gefordert, mitzudiskutieren und mitzumachen – das neue, digitale Gesicht der Wintertagung 2021 macht es möglich: Alle neun Fachtage stehen online und kostenfrei als Live-Webinare zur Verfügung und werden durch Beiträge in der Mediathek erweitert und ergänzt!  

Ausblick: Fachtag Grünland- & Viehwirtschaft  

Milchkaffee, Bergkäse oder das berühmte Kalbswiener: Darauf möchte die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher nicht verzichten. Etwa 90 Liter Milch, 20 Kilogramm Käse und 12 kg Rind- und Kalbfleisch verspeisen so jede und jeder Einzelne von uns im Jahr. Während der COVID-Krise hat jedoch nicht jedes Glied der Kette optimal funktioniert. Im Zentrum des Fachtags Grünland- und Viehwirtschaft heute, am 28. Jänner, im Rahmen der Wintertagung 2021 des Ökosozialen Forums stehen daher die Folgen und Lehren aus der COVID-Krise. Bei der anschließenden Diskussion stehen dann die Chancen und Perspektiven für die Branche im Mittelpunkt.  

Detaillierte Informationen zur Wintertagung 2021 sowie die Mediathek finden Sie unter oekosozial.at.  

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