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Die US-Wahl aus der Perspektive von AmerikanerInnen II

von Red
17. November 2020
in Welt
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Biden Harris 10.11.2020
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Von Melina Heidecker

Am 2. November wird Wien von einem Terroranschlag erschüttert, am 3. November beginnt das politische Erdbeben in Washington. Eine turbulente, herausfordernde Zeit. Auch hier schienen die meisten (an)gespannt auf das Ergebnis der Präsidentschaftswahl zu warten. Da stellt sich die Frage: Wie erlebten die US-AmerikanerInnen die vielleicht spannendste Wahl bis dato? Die nächsten Tage werden verschiedene Interviews erscheinen, in denen verschiedene Perspektiven vorgestellt werden. Den Anfang machte Kelly, eine 27-jährige Lehrerin aus New York. Heute erzählt Steph aus Santa Monica, Kalifornien, wie sie die Wahl erlebt hat. Danach folgt Jane, aus New York CIty, am nächsten Tag Kent, aus Ridgefield, Connecticut und den Abschluss machen Eugene, aus Bellevue, Washington State und Brian, auch aus Ridgefield, Connecticut.

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Steph, Santa Monica, Kalifornien:

1. Wie hast du gewählt? Wie hast du den Wahltag erlebt?

Ich habe früher gewählt per Briefwahl in Connecticut, dort wohnen meine Eltern und ich habe mich dort vorab registriert. Daher bin ich am Wahltag nicht zu den Urnen gegangen, ich bin eigentlich nur aufgewacht und der Tag hat sich irgendwie unecht angefühlt. Wir haben vier Jahre auf diesen Tag gewartet und nun war er da, aber es fühlte sich einfach nicht so an. Den Wahltag haben meine Arbeitskollegen und ich als sehr stressig empfunden, da wir alle großen Wert darauf legten, dass jeder die Zeit zum Wählen hat. Wenn du ein Meeting hast, dass der Stimmabgabe in die Quere kommt, sagst du es ab, Wählen ist so viel wichtiger als ein Meeting. Was wirklich großartig war ist, dass, obwohl meine Firma von Briten geleitet wird, die Firmenleitung uns aufforderte, wählen zu gehen. Sie sagten allen Angestellten: „You gotta do your part“.

2. War diese Wahl für dich spannender als die bisherigen Wahlen?

Diese Wahl war die dritte, bei der ich wählen durfte. Die erste war 2012 mit Obama und McCain, die zweite 2016 mit Clinton und Trump. Daher habe ich nicht wirklich viel Wahlerfahrung. Es ist sehr interessant, da meine gesamten Kontakte auf den Sozialen Medien liberal sind, ich war mir sicher, dass es ein Erdrutschsieg für Biden werden würde. Dann waren es doch teilweise nur Abstände von ein paar tausend Stimmen und wir haben uns alle gefragt: „Wo zur Hölle kommen all diese Trump-Fans her?“ Es war auch der am meisten spaltende Wahlkampf, jeder hat zu 100% die von ihm bevorzugte Partei unterstützt, es ist so entzweiend. Ich denke, die Sozialen Medien haben einen großen Teil zur Verbreitung des Bewusstseins (Anm.d.V.: wie wichtig die Wahl ist) geleistet … Heute Morgen wollte ich ein Meme von Nevada teilen und Instagram hat mir eine Informationsnachricht geschickt mit der Frage: „Ist das die neueste und richtigste Information?“. Ich fand das toll, denn dadurch können weniger Falschmeldungen geteilt werden, was wirklich wichtig während der Wahl ist. Die Präsidentschaftswahl hat den gesamten Alltag kontrolliert, die Abstände zwischen den Parteien waren so knapp, dass es alles war an was ich denken konnte. Meine Freunde und ich haben andauernd Nachrichten ausgetauscht, von der Ostküste bis Großbritannien, Australien und Österreich, jeder hat sich für die Wahl interessiert! Ich dachte, dass die Wahl schneller abläuft, 2016 hat Trump praktisch über Nacht gewonnen und ich bin davon ausgeganen, dass es dieses Mal auch so laufen wird… Ja, die Leute haben gesagt, dieses Mal wird die Auszählung länger dauern, aber ich dachte nicht, dass es wirklich derart lange dauert. Einer meiner Mitarbeiter, der ein Projekt für mich machen hätte sollen, meldete sich nicht, also fragte ich nach, ob alles in Ordnung sei und er meinte: „Ehrlich gesagt nein, mir geht es nicht gut, ich bin wirklich gestresst und emotional ein Wrack wegen dieser Wahl“. Dann gab ich ihm den Tag frei, Advertising ist zwar wichtig, aber niemals so wichtig wie die mentale Gesundheit!

3. Hast du ein Ritual, wie du die Präsidentschaftswahl verbringst?

Die letzten Jahre war ich zuhause bei meinen Eltern. Dieses Jahr habe ich die Nachrichten geschaut und die Kanäle oft gewechselt. Normalerweise schalte ich „Fox News“ nicht ein, aber ich wollte alle Meinungen und Perspektiven sehen, daher habe ich „ABC“, „CNN“ und „Fox News“ angeschaut. Bei der Arbeit habe ich zwei Bildschirme, einen zum Arbeiten, den anderen habe ich zur Verfolgung der Wahl genützt und alle 30 Minuten aktualisiert. Also würde ich sagen, mein Ritual ist es, die Wahl so genau wie nur möglich zu verfolgen. Ich versuche nicht mit meiner Familie, vor allem mit meinem Dad, über die Wahl zu sprechen, da wir unterschiedliche Ansichten haben. Er ist nicht wirklich ein Trump-Fan, aber er glaubt einfach nicht an all die Dinge die Biden umsetzten will, darum habe ich versucht, etwas Distanz zu wahren. Es ist komisch und traurig zugleich, derartig gegensätzliche Meinungen zu jemanden haben, den man eigentlich liebt und bewundert. Ich verstehe die Ansicht von meinem Dad, er hat die Einstellung: „Ich mag Trump nicht, aber Biden mag ich auch nicht. Ich will die Republikaner im Amt.“ Und ich habe die Einstellung: „Aber du ERKENNST (Anm.d.V.: die Probleme mit Trump) es nicht.“ Es ist wichtig mit Leuten in Verbindung zu bleiben, die die gleiche Ansicht haben, aber auch mit denen, die eine andere Perspektive haben, nur ohne Konflikt. Ich will nicht mit meinen Eltern über die Politik streiten.

4. Hat sich etwas aufgrund der Pandemie verändert?

Ja, ich denke generell mit den Briefwahlen und den Abstimmungen musste man sich extra vorbereiten und informieren. Vor ungefähr einem Monat schreib eine College-Freundin von mir in unseren Gruppenchat und erinnerte uns daran, einen Plan für die Wahl zu erstellen, was ich dann auch sofort gemacht habe. Ich habe das Gefühl, es war dieses Mal absolut unentbehrlich, sicherzugehen, dass du weißt, wen du wählen willst und du auch wirklich wählen gehst. Viele Leute haben stundenlang an den Wahlurnen gewartet wegen Corona. Ich denke, die Pandemie hat vielen geholfen, die Sichtweise auf die eine oder andere Art zu ändern, so viele Menschen sind krank geworden oder gestorben und das ist teilweise dem derzeitig amtierenden Präsidenten zuzuschreiben. Auch die Tatsache, dass alle zu Hause feststeckten und nach Wegen gesucht haben, um die Zeit zu nützen, hat geholfen. Die Leute haben aktiv in das Wahlgeschehen eingegriffen und sich informiert,  was ein Segen war, denn die acht Monate bis zum November hatten wir nichts zu tun, außer an unseren Handys zu sein und uns um den Rest der Welt kümmern. Auch die Wahlveranstaltungen und all diese Dinge wurden durch Corona beeinflusst, ich persönlich bin zu keiner Wahlveranstaltung oder einer Demonstration gegangen, da es das Gegenteil von dem war, was uns empfohlen wurde zu tun. Jedoch respektiere und bewundere ich alle, die das getan haben.

5. Wie beurteilst du das Wahlergebnis?

Während der Stimmenauszählung habe ich versucht, optimistisch zu bleiben, aber es war sehr knapp. Ich denke vor allem der Versuch, positiv eingestellt zu bleiben war ein großer Stress, ich habe erst jetzt den Ernst der Lage erkannt. Wir könnten keine weiteren vier Jahre mit Trump durchstehen. Es ist wahnsinnig toll, dass mehr als halb Amerika für Biden gestimmt hat.

6. Gibt es noch etwas anderes, das du gerne erwähnen möchtest?

Ich bin wirklich stolz auf meine Freundesgruppe beziehungsweise generell über den Aktivismus in den gesamten USA, der während der Wahlvorbereitungen entstanden ist. Es war wirklich inspirierend zu sehen, wie viele Menschen ihre Stimme abgegeben und von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Die Tatsache, dass wir die höchste Wahlbeteiligung jemals hatten, zeigt, dass die Menschen wirklich wählen wollen und ihre Stimme gehört werden soll. Ich habe viele Beiträge auf den Sozialen Medien gesehen, in denen Leute schrieben „Wenn du für Trump gestimmt hast, können wir keine Freunde mehr sein, lösch mich bitte aus deinem Account“ und ehrlich gesagt, fühle ich mich etwas hin- und hergerissen.

Eine Freundin aus meinem Gebäude ist zwar kein super offener, aber definitiv ein Trump-Fan. Sie sagte, sie habe für ihn gestimmt und ich habe seither versucht etwas Distanz zu ihr zu halten, da ich nicht wirklich weiß, was ich darüber denken soll… Ein Bekannter, der homosexuell ist, hat gepostet „Eine Stimme für Trump bedeutet, dass du mich hasst“ was irgendwie auch wahr ist. Du kannst nicht Trump und die Menschheit gleichzeitig unterstützen…  Ich versuche die Politik aus meinem Alltag herauszuhalten, aber es ist auch so eine große Charaktereigenschaft – ich denke, ich muss ein paar Beziehungen zu Leuten neu bewerten. Trotz allem hat jeder seine eigene Meinung und kann tun und lassen, was auch immer er oder sie will, ich werde dir das nicht wegnehmen, aber ich werde selektiver entscheiden, mit wem ich meine Zeit verbringe. Es sind zwei sehr verschiedene Arten von Menschen die die Parteien unterstützen. Jemand, der Trump unterstützt, wird nicht für andere, benachteiligte Gesellschaftsgruppen einstehen. Vermutlich haben sie auch Waffen, es sind einfach sehr verschiedene Persönlichkeiten. Lasst uns doch alle Menschen sein und für einander da sein. Ich bin auch etwas konservativ, wenn es um (Anm.d.V.: Bidens) Steuerregulierungen und andere Dinge geht, jedoch habe ich lieber eine bessere Welt und zahle mehr. Sozial bin ich zu 100% liberal, konservativ, wenn es um politische Inhalte geht, da teile ich die Ansicht von meinem Dad. Eine andere Sache, die ich erst nach dem Umzug nach Kalifornien realisiert habe ist, dass die gesamte Welt sich für die Wahl interessiert, jeder schaut nach Amerika. Ich denke, das ist verrückt, weil es sich (Anm.d.V.: die Wahl) auf die ganze Welt auswirken wird, nicht nur auf unser kleines Land.

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