Wer Ende September durch die Hallen der INTERBOOT ging, bekam zwei Bilder gleichzeitig zu sehen: glänzende Motorboote und Yachten, wie man sie von einer klassischen Bootsmesse erwartet – und dazwischen eine Branche, die spürbar nach neuen Antworten sucht.
Von Peter Vaschauner
Elektromotoren, Foils, Refit statt Neukauf und günstigere Einstiegsboote prägten die 65. Ausgabe vom 23. bis 27. September. Für die Bodenseeregion, von Vorarlberg bis in die Ostschweiz, ist die Messe damit weit mehr als eine Produktschau: Sie ist ein Stimmungsbarometer für den Wassersport im gesamten Dreiländereck.
36.100 Besucher kamen nach Friedrichshafen. Das sind weniger als 2025, als 37.900 gezählt wurden. Auch davor ging die Zahl zurück: 2024 waren es 40.100, 2023 noch 41.200. Die Entwicklung lässt sich nicht wegreden. Gleichzeitig berichteten zahlreiche Aussteller von guten Gesprächen und konkreten Abschlüssen. Offenbar wird das Publikum kleiner, aber nicht zwingend weniger kaufinteressiert.

Foto: Peter Vaschauner
Das passt zur wirtschaftlichen Lage der Branche. Mehr als 60 Prozent der vom Verband Maritime Wirtschaft Deutschland befragten Betriebe bewerteten ihre Situation zur Jahresmitte schlechter als im Vorjahr. Vor allem kleinere Motorboote und Segelboote mittlerer Größe tun sich schwer. Stabiler laufen Gebrauchtboote, Service und Wartung. Für 2027 gibt es jedoch bereits erste Neubootbestellungen. Auf der Messe sprach man deshalb von einer „leichten Brise der Hoffnung“.
Besonders sichtbar war der Wandel in der neuen E-Boat Area. Dort stand Elektromobilität nicht mehr als exotische Zukunftsidee am Rand, sondern als eigener Themenbereich. Das Spektrum reichte bis zur mehr als 16 Meter langen vollelektrischen Wia 520 HardTop, dem größten Boot der Messe. Am anderen Ende zeigte die nur 5,25 Meter lange EB EINS fly, wohin die technische Reise gehen könnte: Carbon-Leichtbau, Elektroantrieb und aktiv geregelte Tragflächen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit hebt sich der Rumpf aus dem Wasser, der Widerstand sinkt – und damit auch der Energiebedarf.
Gerade am Bodensee ist diese Entwicklung interessant. Hier geht es nicht nur um maximale Reichweite oder Geschwindigkeit, sondern ebenso um Lärm, lokale Emissionen und einen verantwortungsvollen Umgang mit einem sensiblen Binnenrevier. Die INTERBOOT zeigte allerdings auch, dass es nicht die eine Antriebslösung für alle geben wird. Das Elektroboot für den Tagestörn hat andere Anforderungen als eine schnelle Motoryacht oder ein Boot für längere Strecken.
Fast unspektakulär, aber vielleicht genauso wichtig war das neue Refit-Center. Dort ging es um Reparatur, Pflege, neue Decksbeläge, GFK-Arbeiten und moderne Verfahren wie 3D-Scan und 3D-Druck für Ersatzteile. Nachhaltigkeit bedeutet im Bootsbau eben nicht automatisch, etwas Neues zu kaufen. Ein bestehendes Boot möglichst lange zu erhalten und technisch zu modernisieren kann ökologisch wie wirtschaftlich sinnvoller sein.
Auch deshalb war die Sonderschau „Mein erstes Boot“ ein Schlüsselthema. Sie wurde erstmals um Segelboote erweitert und sollte zeigen, dass Wassersport nicht erst bei sechsstelligen Kaufpreisen beginnt. Händler berichteten von mehr neuen Gesichtern und wachsendem Interesse im Einstiegssegment. Das ist für die Branche entscheidend: Ohne Nachwuchs fehlen morgen nicht nur Käufer, sondern auch Kunden für Marinas, Segelschulen, Werkstätten, Ausrüster und Vereine.
Die internationale Bedeutung der INTERBOOT spürt man besonders rund um den Bodensee. Rund 30 Schweizer Aussteller waren 2026 vertreten; laut Messe kommt traditionell ein erheblicher Teil des Publikums aus der Schweiz. Auch österreichische Anbieter waren präsent. Für viele Vorarlberger Wassersportler ist Friedrichshafen damit weniger eine Messe „im Ausland“ als ein regionaler Treffpunkt auf der anderen Seeseite.
Wie unmittelbar die Zukunftsfragen des Wassersports die Region betreffen, zeigte 2026 auch der Wasserstand. Nach Angaben aus dem Branchengespräch lag der Bodensee zeitweise mehr als 1,20 Meter unter dem langjährigen Mittel. In Marinas mussten Boote verlegt und Liegeplätze getauscht werden. Unabhängig von der Ursache eines einzelnen Niedrigwasserjahres macht das deutlich, wie stark Wassersport, Hafeninfrastruktur und Tourismus von den Bedingungen des Sees abhängen.

Die Messe selbst reagiert unterdessen auf veränderte Erwartungen. Probefahrten im INTERBOOT-Hafen, Surfangebote, Foiling, Kurse und ein ausgebuchtes Motorboot-Fahrtraining für Frauen zeigen, dass bloßes Anschauen nicht mehr reicht. Technische Daten und Preise lassen sich längst im Internet vergleichen. Was eine Messe bieten muss, ist das Erlebnis: anfassen, ausprobieren, fahren und mit Fachleuten sprechen.
2027 beginnt dabei auch organisatorisch ein neues Kapitel. Nach der diesjährigen Ausgabe übergibt Felix Klarmann die Projektleitung an Zuzanna Sroda, die die INTERBOOT seit Jahren mitgestaltet. Sie übernimmt eine Traditionsmesse, die sich neu positionieren muss: zwischen großen Yachten und Einsteigerbooten, Verbrennern und Elektroantrieben, Kauf und Refit, Fachmesse und Erlebnisveranstaltung.
Das Fazit nach fünf Tagen Friedrichshafen fällt deshalb gemischt, aber keineswegs pessimistisch aus. Die Besucherzahlen sinken, der Neubootmarkt bleibt schwierig. Gleichzeitig entstehen neue Technologien, neue Zielgruppen und neue Nutzungskonzepte.
Die spannendste Neuigkeit der INTERBOOT 2026 war vielleicht deshalb gar kein einzelnes Boot. Es war vielmehr der Eindruck, dass sich der Wassersport am Bodensee neu sortiert: leiser, leichter und elektrischer auf der einen Seite – pragmatischer, kostenbewusster und näher am Einsteiger auf der anderen.












