Das Märchen der Leistungsgerechtigkeit

Das Märchen der Leistungsgerechtigkeit
 

Von Dr. Albert Wittwer

Im neuen Jahr mehr leisten?

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Vermeintlich leben wir in einer Meritokratie. Was wir verdienen – und indirekt, welchen Rang wir in der gesellschaftlichen Hierarchie bekleiden – richtet sich nach dem, was wir an bezahlter Arbeit leisten. Das ist nach der Abschaffung der Adelsprivilegien und des Rückzugs geweihter Würdenträger auf die Kirchen zweifellos ein Fortschritt. Angeblich regelt die unsichtbare Hand des Arbeitsmarktes unser leistungsgerechtes Einkommen. Daraus ergibt sich, daß derjenige, der aus welchen Gründen immer, nicht bezahlt arbeitet, einen prekären Status hat. Das Kürzen der Sozialleistungen bis an die Schmerzgrenze soll die vermeintlich Arbeitsunwilligen in die Lohnarbeit zwingen. Obwohl es seit Industrialisierung und Automatisierung die Jobs nicht mehr gibt und oft weder Anerkennung noch ausreichend Gehalt bezahlt wird.

Die Anzeichen mehren sich, drastisch verstärkt durch die Corona-Krise, daß die Gesellschaft sich breit für ein Grundeinkommen – ohne und auch zusätzlich zu bezahlter Arbeit – erwärmt.1) Die jetzt dankenswerterweise bereitgestellten umfangreichen staatlichen Transferzahlungen können teilweise als Testversuch dazu interpretiert werden. Es ist auch bewiesen, daß wir ohne Zwang zur Lohnarbeit nicht in depressive Lethargie verfallen. Aber wohin kehren wir nach Corona zurück?

Wir sollten die Meritokratie überdenken. „Die säkulare meritokratische Ordnung von heute lädt den Erfolg in einer Weise mit Moral auf, die den Nachhall eines früheren Glaubens an die Vorsehung bildet.“2) Wer sich anstrengt, wird belohnt. Jeder kann es schaffen. Wer scheitert, hat sich nur zu wenig angestrengt. Selber schuld. Manche bezweifeln, daß das wahr ist, verharren in ihrem Nachdenken aber auf halber Strecke: Es müsse nur für Chancengerechtigkeit gesorgt werden. Vergleichbare Startverhältnisse für die Kinder aus Arbeitermilieu mit den Kindern der Ärzte und Anwälte und Manager, dann sei der Wettbewerb um die wenigen guten Jobs und das höchste Einkommen wieder fair.

Selbst das wird von einem Teil der Gesellschaft durchaus bekämpft, sie  wollen keine Gesamt- oder Ganztagesschulen, keine wirklich qualifizierte Kleinkinderbetreuung, um den Startvorteil ihrer eigenen Kinder nicht zu verwässern. Die Eliten bleiben – generationsübergreifend – unter sich.

Das birgt große soziale Sprengkraft. Die Überheblichkeit der Gewinner trifft auf die Demütigung der Verlierer. Sie haben den Verdacht, daß das liberale Märchen trügt und ihnen die Wertschätzung als Werktätige oder Nur-Hausfrau vorenthalten wird. Wer keinen Job hat und nicht wenigstens ein Aktiendepot, darf getrost an sich zweifeln. Das Unbehagen der Benachteiligten an den Verhältnissen wird von den Populisten benützt. Sie leiten die Verärgerung auf noch Schwächere. Etwa die Immigranten, die der Oma die Pension stehlen, weil wir sie so teuer durchfüttern müssen. Die faulen Arbeitslosen, die noch im Bett liegen, während ihre Kinder (Schulpflicht) schon aufgestanden sind.

Die Ideologie von der Leistungsgerechtigkeit führt zur Vorstellung, wir müßten uns Zuwendung und Respekt als Leistungsträger erst verdienen. Als seien sie nicht Voraussetzung jeder menschlichen Gemeinschaft, ja Existenz. Auch hohe politische Amtsträger verraten sich in der Wortwahl, sie hätten „auf Augenhöhe mit jemandem geredet“. Als sei das nicht jedem und jeder geschuldet.

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Auf Ebene des Marktes wird Leistung mit Wachstum gleichgesetzt. Der Gewinn oder jedenfalls der Umsatz sollen jedes Quartal zum Berichtstichtag wachsen, sonst sind die Börsen und mit ihnen die Aktionäre unzufrieden. Also müssen neue Produkte und zusätzliche Dienstleistungen an die Konsumenten verkauft, in den Markt gedrückt werden. Neue Produkte und verbesserte Dienstleistungen können auch umwelt- und klimafreundlich sein. Die Arbeit kann fair bezahlt und besser verteilt werden. Das sollten wir uns neben weiteren Versuchen für ein Grundeinkommen im neuen Jahr wünschen dürfen.

Anmerkungen:

Rutger Bregman, „Utopien für Realisten“: „Es gibt nicht genug Arbeit für alle“.

1) https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog82/David

Graeber, Bullshit Jobs, „…die eine Narbe auf unserer Kollektivseele hinterlassen“.

2)Michael J. Sandel, „The Tyranny of Merit“

„Unser Geld für unsere Leut“, politischer Slogan.

David Rosnik: „Reduced Work Hours a Means of Slowing Climate Change“.