Zwischen leichter Entspannung, großer Anstrengung und dritter Welle

Zwischen leichter Entspannung, großer Anstrengung und dritter Welle
© Lisa Mathis 

Für die Krankenhäuser geht ein forderndes, belastendes Jahr zu Ende

Die Infektionszahlen haben sich auf hohem Niveau eingependelt. Das sorgt auch in den Spitälern für eine gewisse, vorübergehende Beruhigung. Während erste vorsichtige Schritte zur situationsangepassten Erweiterung des Leistungsangebotes erfolgen, laufen parallel dazu bereits Vorbereitungen für eine dritte Welle. Denn im Hinblick auf die bevorstehenden Feiertage wächst die Angst vor einem neuerlichen rasanten Anstieg der Infektionskurve.

Der Lockdown hat Wirkung gezeigt: Mitte November, auf dem Höhepunkt der zweiten Welle, betrug die Sieben-Tage-Inzidenz für Neuinfektionen je 100 000 Einwohner in Vorarlberg 850. Zuletzt lag dieser Wert um 200. Die Zahl der Hospitalisierten hat sich im selben Zeitraum etwa halbiert. Aktuell müssen 104 Covid-19-Patienten stationär behandelt werden, 19 davon auf den Intensivstationen. „Es hat sich eine gewisse Stabilisierung des Infektionsgeschehens eingestellt“, bestätigt Direktor Dr. Gerald Fleisch, Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsgesellschaft (KHBG), „allerdings auf einem sehr hohen Niveau.“ Die Lage in den heimischen Spitälern sei „zwar entspannter, aber weit entfernt von entspannt.“

So kommen weiterhin täglich durchschnittlich über 100 Neuinfektionen hinzu. In den Krankenhäusern hält der Zustrom an täglichen Neuaufnahmen von zumeist sechs bis zehn Patienten an. Mit einer spürbaren Entlastung bis Weihnachten ist nicht zu rechnen. Dabei sind die Spitäler noch immer deutlich stärker ausgelastet als vor der Pandemie und die Intensivkapazitäten erhöht.

„Die leichte Beruhigung in den vergangenen Wochen erlaubt es uns dennoch, erste Schritte zu setzen, um den eingeschränkten Regelbetrieb wieder vorsichtig und situationsangepasst auszuweiten“, so der KHBG-Chef. Die konkreten Maßnahmen würden in enger Abstimmung aller Vorarlberger Krankenhäuser untereinander auf Basis detaillierter Stufenpläne erfolgen. „Wir haben die Atempause über den Sommer gut nutzen können, um Vorgaben zu erstellen, wie der Betrieb im Hinblick auf bestmögliche Versorgung situationsbedingt eingeschränkt beziehungsweise ausgeweitet werden kann.“

Dr. Gerald Fleisch

OP-Kapazitäten in Feldkirch auf 75 Prozent

Angesichts der dramatischen Entwicklung im Herbst wurden die Operationen wie in allen Krankenhäusern auch in Feldkirch zum zweiten Mal in diesem Jahr um die Hälfte reduziert. Das Schwerpunktkrankenhaus hat den Auftrag, die Notfallversorgung sowie die Versorgung in allen ansässigen Fachgebieten sicherzustellen. Hier sind Monopolabteilungen wie die Neurochirurgie untergebracht, zudem verfügt das Haus über die einzige Intensivversorgung der höchsten Kategorie drei, die beispielsweise für Unfallopfer mit Polytrauma oder Patienten nach neurochirurgischen Eingriffen erforderlich ist.

Laut Prim. Dr. Wolfgang Elsäßer, Chefarzt und Leiter Abteilung HNO, habe man aufgrund der Erfahrungen zu Jahresbeginn diesmal viel flexibler reagieren können – sowohl bei der Reduzierung als auch jetzt beim Hochfahren des Betriebs: „Wir haben unser OP-Programm laufend an die aktuellen Gegebenheiten – die Bettensituation und die Belegung im Intensivbereich – angepasst.“ Alle wichtigen Eingriffe wie beispielsweise Tumoroperationen konnten im Herbst weiterhin durchgeführt werden. Auch Notfälle und Unfälle oder dringliche Indikationen wie Entzündungen oder Abszesse wurden wie gewohnt operiert. Der HNO-Bereich sei operativ fast voll weitergelaufen, ebenso die Katarakt-Chirurgie. „Zurückgefahren haben wir ausschließlich planbare Leistungen“, konkretisiert Prim. Dr. Elsäßer und führt als Beispiel unfallchirurgische Eingriffe an Schulter, Wirbelsäule oder Knie an. Anders als im Frühjahr blieben auch die Ambulanzen weitestgehend ohne größere Einschränkungen offen. Nunmehr stehen in Feldkirch neun von zwölf Narkoseplätzen zur Verfügung. Die Operationskapazitäten konnten damit auf 75 Prozent hochgefahren werden. Über diese Entwicklung zeigt sich der Chefarzt sehr froh, mahnt allerdings, man müsse wachsam bleiben.

Ebenfalls verbessert wurde über die Sommermonate die Versorgung von Patienten der fast 20 Fachabteilungen, die erst im Krankenhaus Covid-Symptome entwicklen. „Anders als noch im Frühjahr isolieren wir betroffene Patienten nun direkt auf den jeweiligen Fachabteilungen, anstatt sie auf die Covid-Station zu verlegen“, so Prim. Dr. Elsäßer. Der Vorteil sei, dass HNO-Patienten dadurch von HNO-Personal betreut werden könne. Dieses Vorgehen bringt allerdings eine zusätzliche Belastung für das Pflegepersonal, das vor Betreten eines Isolationszimmers sich jedes Mal einschleusen und mit Schutzausrüstung ausstatten muss.

Am Limit und darüber

Harald Maikisch

Der Feldkircher Pflegedirektor Michael Scheffknecht bekräftigt, dass die Pandemie dem Pflegepersonal nicht nur in diesem Zusammenhang enorm viel abverlangt: „Normalerweise erstellen wir unsere Dienstpläne einen Monat im Voraus. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle hingegen gab es im Prinzip täglich Verschiebungen, die unseren Mitarbeitenden hohe Flexibilität abverlangten.“ Sei es durch Ausfälle beim Personal, das positiv getestet oder abgesondert wurde, oder durch eine veränderte Patientensituation. „Dass unsere Mitarbeitenden mit höchster Einsatzbereitschaft am Limit und darüber gearbeitet haben, verdient großen Dank und Respekt.“

Scheffknecht, der selbst neun Jahre als Intensivpfleger gearbeitet hat, weiß um die Herausforderungen, die die Pandemie speziell für die Intensivmedizin bedeutet. Als die Zahl der Intensivbetten aufgestockt wurde, ging dies mit einer Reduzierung der OP-Kapazitäten einher. Auf diese Weise konnte das für die Betreuung der Intensivpatienten benötigte fachkundige Personal freigespielt werden. „Denn selbst diplomiertes Pflegepersonal lässt sich nicht ohne Weiteres einschulen“, berichtet Scheffknecht. Anästhesiepersonal, das Patienten auch während Operationen in Vollnarkose künstlich beatme, bringe dagegen das notwendige Wissen und die erforderliche Erfahrung bereits mit.

Hohe Sterberate schwer zu verkraften

Mit vereinten Kräften gelang es den Vorarlberger Spitälern dadurch auch im Intensivbereich, die kritischen Wochen zu überstehen, ohne dass das drohende Szenario einer Triage eintraf. Doch das zu bewältigende Arbeitspensum sei noch immer sehr hoch, weiß der Pflegedirektor: „Wir müssen nach wie vor erweiterte Intensivkapazitäten abdecken.“ Und die hohe Mortalitätsrate stelle eine zusätzliche Belastung dar: „Fast zwei Drittel der Covid-Patienten auf den Intensivstationen versterben, mitunter nachdem sie über mehrere Wochen gepflegt worden sind. Das ist auch für die beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur schwer zu verkraften.“

Viel Hammer, wenig Tanz

Corona beschäftigt die Krankenhäuser nunmehr seit fast einem Jahr. Der Feldkircher Verwaltungsdirektor Harald Maikisch, zugleich für Katastrophen- und Pandemieplanung zuständig, nimmt das Ende dieses annus horribilis 2020 zum Anlass für einen kurzen Rückblick. „Als die ersten Bilder aus Italien kamen, haben wir uns auf das Schlimmste vorbereitet.“ In kürzester Zeit galt es, die Gesundheitsversorgung im Land aufzugleisen, Schutzmaßnahmen für Mitarbeitende und Patienten auszuarbeiten, die pandemiegerechte Unterbringung der Patienten zu planen, gesetzliche Besucherregelungen umzusetzen und schließlich den Regelbetrieb drastisch herunterzufahren – der „Hammer“ in Form drastischer Einschnitte. „Im Sommer, als die Infektionskurve gebrochen wurde, folgte mit den Lockerungen dann der ‚Tanz‘, allerdings nicht in unseren Häusern“, fügt Maikisch hinzu. „Nach zwei Monaten auf halber Leistung im OP hatten die Spitäler ein Zwölftel ihrer Arbeitsleistung aufzuholen.“ Und die Aufholjagd gelang: Im Oktober, rechtzeitig vor Beginn der zweiten Welle, lagen die Zahlen wieder auf Vorjahresniveau. Im Zeitraum Jänner bis November 2020 wurden in den Vorarlberger Landeskrankenhäusern 33.967 Operationen durchgeführt, dies sind um 889 Eingriffe bzw. 2,55 % weniger als im Vorjahr. Als positives Zeichen kann aber der Katarakteingriff genannt werden, welcher beinahe um 10 % häufiger erbracht werden konnte als im Vorjahr.

Der Verwaltungsdirekter zieht den Vergleich zu einem Marathon „Wir haben nach dem Start im Frühjahr ein gutes Tempo vorgelegt, das wir über die Distanz halten konnten.“ Jetzt käme eigentlich der so wichtige Endspurt, so Maikisch. Aber: „Beim Marathon erreicht man nach Kilometer 42 das Ziel. Wir hingegen wissen nicht, wie lange wir noch durchhalten müssen.“ Die Pandemie sei noch lange nicht zu Ende, doch die Schutzimpfung könnte die Trendwende herbeiführen, „vorausgesetzt sie wird von der Bevölkerung angenommen“.

Angst vor dritter Welle wächst

Den bevorstehenden Feiertagen blicken die Krankenhäuser mit großer Besorgnis entgegen. „Es ist zu erwarten, dass die vermehrten sozialen Kontakte die Infektionszahlen wieder steigen lassen“, sagt Direktor Gerald Fleisch. Man bereite sich deshalb bereits intensiv auf eine dritte Welle vor. „Baut sich diese Welle jedoch zu schnell oder sehr heftig vor uns auf, wären die Folgen für das Gesundheitssystem in jedem Fall fatal. Deshalb an dieser Stelle der eindringliche Appell an alle: Feiern Sie Weihnachten mit Ihren Lieben und übernehmen Sie dabei Verantwortung. Achten Sie auf die gebotenen Schutzmaßnahmen. Anderenfalls gefährden Sie die Gesundheitsversorgung für sich selbst und Ihre Familie und auch den Wohlstand unserer Gesellschaft.“