Jörg Adlassnigg: „Es ist kein Fetisch und wir dürfen keine Götzen werden!“

Jörg Adlassnigg: „Es ist kein Fetisch und wir dürfen keine Götzen werden!“
© Bandi Koeck 

Jörg Adlassnigg ist jemand, den man in den unterschiedlichsten Rollen kennt. Er ist jemand, der sagt, was er denkt. So spricht er auch ganz unverblümt über Corona und die Gesellschaft sowie die Herausforderungen, welche an die Schule und Unterricht gestellt werden.

Von Bandi Koeck

Gsi.News: Jörg, in Vorarlberg hast du die Kabarettszene deutlich mitgeprägt. Wie ist es ursprünglich dazu gekommen?
Jörg Adlassnigg: Unsere Crew (Stefan Vögel, Maria Neuschmid, Gabi Fleisch, Roland Ellensohn und ich) hatten unsere Premiere am 5. April 1991 in Götzis. Wir kannten uns alle vom Theater am Saumarkt. Maria überzeugte Stefan von seinem Schreibtalent, er hat geschrieben, uns hats gefallen, wir habens gespielt, von Anfang an mit wirklich großem Erfolg. Neu an uns war, dass wir das Publikum nichts lehren wollten, wir wollten unterhalten, über uns selber lachen und unabhängig bleiben. Deshalb auch immer der Verzicht auf Subventionen oder Förderungen. Dabei waren unsere Programme allesamt sehr kritisch und auch wirklich gesellschaftspolitisch!

Welches ist rückblickend dein Lieblingstheaterstück gewesen?
Adlassnigg: „Best of Grüss Gott in Voradelberg“, „Brutal“, Ladies Night“, „Schaffa Schaffa, Hüsle baua“? Schwierig. Spaß hatte ich bei allen!

Die sogenannte „alte Garde“, zu der ich dich auch zähle, hat vielen Neo-Kabarettisten quasi den roten Faden vorgegeben. Wie siehst du die Zukunft im Ländle?
Adlassnigg: Kabarett braucht zwei Dinge, um erfolgreich zu sein: Einen verdammt guten Texter und gute, authentische Spieler! Von beidem gibt es bei uns im Land schon welche, die müssen sich finden und loslegen. Aber nicht vergessen, alles beginnt erst mal klein. Ich freu mich auf jede neue Produktion, auf jeden neuen Typ. Und mit Marias Tochter Anna ist schon eine Perle gefunden.

Wie geht es einem leidenschaftlichen Schauspieler, der dieses Jahr bedingt durch Covid-19 nicht auftreten kann?
Adlassnigg: Gut, mich hat das nicht betroffen, da eh ein Jahr Pause geplant war. Außerdem habe ich einen Brotberuf. Ich bin also nur soweit betroffen, dass ich mir keine Produktionen auf der Bühne ansehen darf – das vermisse ich!

Seit über 30 Jahren bist du als Lehrer und auch Heilpädagoge tätig. Was genau gefällt dir an der Aufgabe, so viel Zeit mit pubertierenden Jugendlichen zu verbringen?
Adlassnigg: Ich bin erst seit sieben Jahren Heilpädagoge, war zuvor Klassenlehrer für das achte und neunte Schuljahr. Lehrer ist der beste Job, den ich mir für mich vorstellen kann. Du bist zeitflexibel, die Arbeit ist gleich Bühne, die Schüler das Publikum – und ein heikles auch noch! -, Ferien! Im Ernst, wenn jemand die Nerven für den Lehrberuf hat, dann ist Lehrersein etwas Großartiges! Momentan arbeite ich viel mit schwächeren Schülern. Das ist noch dankbarer, kleine Gruppen, hilfsbereite Kollegen, völlige Freiheit in der Methodik.

Lockdowns und Fernunterricht haben vielen Eltern gezeigt, dass die Arbeit von Lehrern und die Institution Schule doch nicht so ohne sind, stießen sie selbst an ihre Grenzen. Wie siehst du das?
Adlassnigg: Home Schooling hat mit Unterricht nichts gemein. Lehre und Unterricht im Kindesalter ist umfassend und schließt Kontakt, Empathie und Teamarbeit mit ein. Zu diesen unseligen Zeiten war ich nur Aufgabenverteiler, oder Chatter, oder Skyper. Das ist nicht meine Sache. Ich setze mich nicht am Morgen an einen Computer, um Lehrer zu sein! Die einzige Herausforderung am Fernunterricht ist, diesen so schnell wie möglich wieder abzuschaffen! Jeder Lehrer weiß, was ein guter Lehrer ist, da er ständig unter Beobachtung und Kritik steht! Gute Lehrer sind in der Regel mutig, sie müssen manchmal die Chuzbe aufbringen, gegen den Willen von Eltern oder Amt zum Wohle des Kindes zu streiten. Immerhin, von den Dreien ist er der Gelernte (lacht).

Vielen Eltern wird durch dieses „distance learning“ vor Augen geführt, wie unterschiedlich Unterricht sein kann und dass jede Lehrperson ein Individuum darstellt. Was sind die großen Herausforderung an der Digitalisierung?
Adlassnigg: Schule und wir alle müssen begreifen, Digitalisierung als wunderbares Werkzeug zu begreifen. Es handelt sich um keinen Fetisch, und wir dürfen keine Götzen werden. Wir bestimmen die Maschinen! Ein PC ist wie ein Hammer, ich brauch ihn, wenn es Sinn macht und ich lass ihn sein, wenn der Nagel genagelt ist. Fertig. Kinder wachsen mit den Werkzeugen der Zeit auf, das ist gut so, aber sie dürfen nicht von ihnen erzogen werden. Auch die Schule muss diese Werkzeuge bereit stellen, gleich einer Tafel früher, oder Hefte oder Kreiden. Schule lehrt lernen, verstehen, begreifen, – Schule ist nicht „google-schauen“ oder „power-pointen“, Schule ist vertiefen, lesen, studieren, gemeinsam erforschen.

Ein Blick auf unsere Geselschaft: Findest du, dass die Leute diszipliniert mit den Maßnahmen der Regierung umgehen?
Adlassnigg: Ja, das finde ich, absolut. Wir sind sehr diszipliniert. Und trotzdem schimpfen wir auf die Politiker und mistrauen den Fachmenschen, zwingen ganz Unschuldige in die Heldenrolle. Hey, gehen wir das bitte etwas gelassener an, es ist schon ohne Verschwörung schwer genug! Und an die Medien: Es gibt noch andere Themen, und Zahlentabellen sind keine seriösen Nachrichten und überhaupt, ihr seid keine Dramaturgen, ihr solltet einfach nur redlich und ehrlich berichten. Es ist verboten, uns mit Masse zuzumüllen. Eine gute Tageszeitung sollte nicht nur durch Todesanzeigen bestechen!

Du bist jemand, der eigentlich immer sagt, was er denkt, ein kritischer, oft ungemütlicher Zeitgenosse. Was brennt dir noch auf der Zunge?
Adlassnigg: In der Regel sag ich schon, wenn mich was stört. Bei der Arbeit kann ich da sogar sauer werden. Trotzdem bin ich die Gleichmut in Person. Aber wenn du mich schon fragen tust: Ich hasse Einzelpersonen, Betriebe, Industrien, Politiker, eben alle, die aus einer Krise Profit ziehen wollen, entschädigt für alles werden wollen, innerbetriebliche Schwierigkeiten jetzt auf Staatskosten und Kurzarbeit abwälzen und diejenigen, die mit Neid auf andere blicken. Ich kann das Virus nicht besiegen, ich kann die Folgen kaum abfedern, aber ich kann auffordern, die Zeit zu nützen, sich und die Welt neu zu denken, nicht alles auf einmal, aber doch das eine oder andere. Allemal müssen wir hinter die Bücher und das Paradigma „Wachstum“ hinterfragen! Schwere Aufgabe, erstaunliche Lösungen.

Nicht nur durch deine Rhetorik und die damit verbundene Schlagfertigkeit, sondern auch durch deinen Look, sprich Jeansjacke und -hose sowie Holzschuhe, fällst du auf. War das immer schon so?
Adlassnigg: Ach so?! Über meinen Look mache ich mir keinen Kopf. Es muss bequem und klug sein sein, überall passend und verdammt gut aussehen. So wie ich eben bin!

Gsi.News: Vielen Dank für das amüsante und offenherzige Gespräch und weiterhin viel Nerven bei der Digitalisierung des Unterrichts.

Zur Person:

Jörg Adlassnigg
Geboren am 11. Mai 1962 in Hohenems
Verheiratet mit Margit
Beruf: Lehrer und Schauspieler
Lieblingslektüre: Lyrics von Bob Dylan, Steven King, Bertold Brecht, Robert Schneider
Kontakt: adlassnigg.joerg@schulen.li