Der Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas e. V. und die Jüdische Gemeinde zu Berlin haben am Montagabend im Hotel Adlon Kempinski Berlin den „Preis für Zivilcourage – Gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus“ an Geschichte hat Zukunft – Neuendorf im Sande e. V. und Buntes Meißen – Bündnis für Zivilcourage e. V. verliehen. Beide Vereine erhalten jeweils ein Preisgeld in Höhe von 2.000 Euro. Die Auszeichnung wurde im Rahmen des 20. Charity-Dinners zugunsten des „Raums der Namen“ vergeben. Festrednerin des Jubiläumsabends ist Ilse Aigner, Präsidentin des Bayerischen Landtags.
„Der Preis für Zivilcourage ist heute wichtiger denn je. Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus begegnen uns wieder offen und mit einer Selbstverständlichkeit, die uns alarmieren muss. Gerade deshalb brauchen wir Menschen, die nicht wegsehen und nicht schweigen, sondern widersprechen, Verantwortung übernehmen und vor Ort handeln. Unsere diesjährigen Preisträger zeigen, dass Zivilcourage keine abstrakte Forderung ist. Sie beginnt im Alltag, in unseren Städten und Gemeinden – und sie ist eine Voraussetzung dafür, dass unsere Demokratie wehrhaft bleibt“, erklärt Lea Rosh, Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas e. V.
Zwei Vereine für Zivilcourage ausgezeichnet
Mit dem diesjährigen Preis würdigen der Förderkreis und die Jüdische Gemeinde zu Berlin zwei Vereine, die auf unterschiedliche Weise gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, demokratische Strukturen vor Ort stärken und sich gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen.
Geschichte hat Zukunft – Neuendorf im Sande e. V. setzt sich dafür ein, die Geschichte des ehemaligen jüdischen Landwerks Neuendorf im Sande aufzuarbeiten, zu dokumentieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Verein verbindet lokale Erinnerungsarbeit mit historischer und politischer Bildung und schafft einen Ort der Begegnung und Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart. Den Preis nahmen Tanja Tricarico und Bernd Pickert für den Verein entgegen.
Der Verein Geschichte hat Zukunft – Neuendorf im Sande e. V. erklärt:
„Wir freuen uns sehr über den Preis. In Zeiten wie diesen, wo doch zu viele der ‚Versuchung des Faschismus‘ zu erliegen scheinen, wie es der US-amerikanische Philosoph Jason Stanley genannt hat, hilft uns jede Bestärkung. Das Erinnern nicht abreißen lassen, um die Zukunft nicht zu verlieren – wir hätten nicht gedacht, dass das noch einmal so viel Energie verlangen würde. Erinnerungsarbeit beginnt vor Ort, ganz lokal, bei und mit den Menschen. Solche Orte der Begegnung und der gemeinsamen Geschichte braucht es heute mehr denn je.“
Buntes Meißen – Bündnis für Zivilcourage e. V. engagiert sich für demokratisches Miteinander, gesellschaftliche Vielfalt und Teilhabe sowie gegen Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Der Verein stärkt mit seiner Arbeit zivilgesellschaftliches Engagement vor Ort und setzt sich auch unter schwierigen Bedingungen für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein. Für Buntes Meißen nahmen Bernd Oehler und Dr. Jana Henker die Auszeichnung entgegen.
Der Verein Buntes Meißen – Bündnis für Zivilcourage e. V. erklärt:
„Wir danken der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas für die Verleihung des Preises für Zivilcourage, weil uns die Erinnerung des geschehenen Unrechts verbindlicher Anstoß ist, uns trotz scharfen Gegenwindes heute für die Verhinderung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einzusetzen und weiterhin für eine demokratische und vielfältige Gesellschaft einzutreten, an der alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder Lebensweise teilhaben können.“
Politische Gäste und Stimmen zum Jubiläumsabend
Zum Empfang anlässlich des 20. Charity-Dinners kamen zahlreiche Gäste aus Politik, Kultur und Gesellschaft zusammen. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, zugleich Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, nahm am Empfang teil und richtete ein Grußwort an die Gäste.
Festrednerin des anschließenden nichtöffentlichen Charity-Dinners ist Ilse Aigner, Präsidentin des Bayerischen Landtags. Anlässlich des Jubiläumsabends und der Auszeichnung der beiden Vereine erklärt sie:
„Das ‚nie wieder!‘ ist tot. Denn jüdische Menschen in Deutschland haben wieder Angst, ihre Identität offen zu leben. Trotz der jahrzehntelangen Beteuerungen hat der Antisemitismus wieder Platz – überall im Land. Doch wir können einen Unterschied machen, das zeigen die Vorbilder, die mit den Vereinen ‚Geschichte hat Zukunft‘ und ‚Buntes Meißen‘ die Vergangenheit aufarbeiten und vermitteln und täglich aufs Neue Zivilcourage zeigen: Sie machen Mut. Folgen wir also wie sie weiter dem klaren Kompass der Menschenwürde und machen wir unser Land, unsere Zukunft zur gemeinsamen Herzenssache.“
Zu den weiteren Gästen des Jubiläumsabends gehören unter anderem die Förderkreis-Vorsitzende Lea Rosh, Berlins Bürgermeister Stefan Evers, die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin Cornelia Seibeld sowie Mo Asumang, Prof. Dr. Peter Raue, Ulli Zelle und Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
20 Jahre Charity-Dinner für den „Raum der Namen“
Das Charity-Dinner findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Seit zwei Jahrzehnten verbindet der Förderkreis den Benefizabend mit einem öffentlichen Zeichen gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus sowie für Toleranz, Respekt und die Rechte aller Menschen.
Die Erlöse des Charity-Dinners kommen der Spendenkampagne „Raum der Namen“ zugute. Mit den Einnahmen der vergangenen Benefizdinner konnten bereits rund 14.000 Hör-Biografien ermordeter jüdischer Kinder, Frauen und Männer recherchiert, eingesprochen und in den „Raum der Namen“ aufgenommen werden.
Im Mittelpunkt der diesjährigen Erinnerungsarbeit stehen die Pogrome des Sommers 1941 in Lemberg, Kaunas, Jedwabne und Jassy. Tausende Jüdinnen und Juden wurden dort Opfer antisemitischer Gewalt. Viele ihrer Namen und Lebensgeschichten sind bis heute kaum bekannt. Die Spenden des Charity-Dinners tragen dazu bei, weitere Biografien zu erforschen, zu bewahren und im „Raum der Namen“ hörbar zu machen.
Der Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus wird seit 2010 vergeben. Ausgezeichnet werden Menschen, Initiativen und Organisationen, die sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus und für demokratische Werte einsetzen.












