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Markt und Mangel

von Red
7. Juli 2022
in gsi.kolumne, Wirtschaft und Recht
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Von Albert Wittwer

Die Menschen im real existierenden Sozialismus hielten die Bilder von vollen Supermarktregalen, die sich zu ihnen verirrten, für westliche Propaganda. Natürlich nicht die Angehörigen der Nomenklatura. Manche von ihnen, etwa die Diplomaten und die Spitzensportler, die reisen durften, schwankten zwischen zwei Theorien. Entweder wir hätten heimlich die planwirtschaftliche Logistik erstaunlicherweise weiter entwickelt, aber der ökonomische Zweig des wissenschaftlichen dialektischen Materialismus werde bald nicht nur aufschließen, sondern den Westen überholen. Oder es handle sich um ein letztes Aufbäumen, eine Angstblüte des von Marx vorhergesagten Zusammenbruches des Kapitalismus.

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Natürlich ist der Markt, der uns heute in den sogenannten entwickelten Ländern so gut versorgt, nicht wirklich frei. Die Lamentos über die Bürokratie, die ihn schrecklich behindert, füllen Bibliotheken. Aber immerhin schützt uns die Regulierung vor explodierenden Batterien und schimmligem Brot. Und wer will und das Geld hat, kann sich ein Warenlager für die nächsten zehn Jahre zulegen, für den Fall daß etwas knapp oder teurer wird. Und die Regale leerkaufen. Wie jetzt gerade das Bauholz, das exportiert wird, weil die Amerikaner besser bezahlen.

Es gibt einen glücklichen, gesellschaftlichen Konsens, daß bestimmte Dienstleistungen und Waren dem Markt entzogen bleiben müssen. Wer soll eine neue Leber, Lunge, Niere, wer ein Herz erhalten? Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. In allen Staaten gibt es die Übereinkunft, daß das Spenderorgan nicht dem Meistbietenden zugeschlagen wird. In den zivilisierten Staaten wird darüber transparent anhand wissenschaftlich fundierter Kriterien über die Verträglichkeit des Spenderorganes für den Empfänger entschieden. Das Herz ist nicht umsonst – aber es kostet dem Empfänger nichts. Und die Krankenversicherung bezahlt in Österreich und anderen europäischen Ländern die Operation.

Aktuell ist großartig, daß in extrem kurzer Zeit von der Europäischen Union subventioniert wirksame Impfstoffe gegen Corona entwickelt und von den Regierungen mit Zustimmung der Parlamente in großer Anzahl und hervorragender Qualität – gratis – an alle Impfwilligen zugeteilt werden. Und das in einer Priorisierung, die insgesamt geglückt oder wenigstens plausibel ist.

Offenbar ist es auch gelungen, das marktwirtschaftliche Vorrecht des Reicheren gegenüber dem Ärmeren wirksam auszuschalten: Ein Unternehmer, der einen teuren Impf- und Badeurlaub in exotischer Destination anbot, konnte trotz erheblicher Nachfrage keine einzige Reise verkaufen – denn er bekam von niemand einen Impfstoff geliefert. Die Pharmaindustrie handelt zumeist durchaus nach ethischen Gesichtspunkten. Und verzichtet aus Überzeugung und Klugheit auch auf Geschäft. Würden die Patente enteignet, gäbe es die Impfstoffe mit lebenslanger Garantie bestimmt schon im Darknet, tödlicher als Russisches Roulette.

Die in der Corona-Krise maßgeblichen Entscheidungen der Regierung folgen durchaus der Ethik des John Rawls, Gerechtigkeit als Fairness: Die knappen Güter so zu verteilen, daß die Schwächsten in der Gesellschaft bedacht werden, als könnten sie die Impfluxusreise um € 20.000 buchen.

Anmerkungen: Real existierender Sozialismus, in der DDR geprägter Ausdruck für die Regime im Herrschaftsbereich der „Union Der Sozialistischen Sowjet Republiken“, bis ca. 1989. Eine dystopische Gruselvision wird von China berichtet, wonach die Organe von staatlich Ermordeten, zuvor zum Tode Verurteilten, sogleich in bedürftige Parteikader operiert werden: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/video-arzt-berichtet-von-organentnahme-an-hingerichteten-in-china-120336.html

Luxus-Impfreise um € 20.000 pro Person: https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/tourismus-gegen-corona-die-luxus-impfreise-gibt-es-ab-20-000-euro-pro-person/26913326.htmlVerfassungsrechtlich ist gem. Art 5 Staatsgrundgesetz von 1867 eine entschädigungslose Enteignung nicht zulässig. John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit.

Tags: Albert Wittwer
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