Zweite Chance verpasst – und dritte vorbildlich genützt: Alexander Wieser

Zweite Chance verpasst – und dritte vorbildlich genützt: Alexander Wieser
© André Rossi 

Unser Gsiberger der Woche und gleichzeitig Auftakt zur neuen Rubrik „GSIBUCH“ ist niemand geringeres als der in Hard wohnhafte Alexander Wieser. Gerade erschien seine Autobiografie, mit der er primär anderen Menschen helfen und sie davor bewahren möchte, dieselben Fehler zu begehen, die er selbst begangen hat. Er stellte sich den kritischen Fragen von Gsi.News und nahm sich Zeit für ein ausführliches Gespräch im Schwimmbad Felsenau in Frastanz.

Gsi.News: Gerade erschien deine Autobiografie mit dem vielversprechenden Titel „Zweite Chance verpasst“. Darin definierst du das Thema „Zeit“ neu. Deshalb diese Frage: Wie lange hast du für dieses Buch benötigt?

Alexander Wieser: Ich habe während meinem Gefängnisaufenthalt angefangen, das Buch zu schreiben, bin aber nie zum Schluss gekommen, vor allem haben mir anschließend sehr viele davon abgeraten, da es ein schlechtes Bild auf mich werfen würde. Als wäre die Wahrheit eine andere gewesen. Dann habe ich es über 10 Jahre zur Seite gelegt. Die Coronazeit hat mir dann die Auszeit gegeben, um dieses Buch nochmal anzugehen und da war es mit Hilfe meiner Tochter in zwei Wochen fertig geschrieben.

Gsi.News: Für Menschen, die dich kennen, aber gerade für jene, die dich erst durch dein Buch, welches in 16 spannende Kapitel gegliedert ist, kennenlernen: Ist dir dieser Seelenstriptease leicht gefallen oder hast du länger mit dir gerungen, bevor du „die ganze Wahrheit“ kund tun wolltest?

AW: Es ist leichter der Welt die Wahrheit preis zu geben wie einer Mutter in die Augen zu schauen, die dich zum ersten Mal im Gefängnis besuchen kommt. Ich denke, das war schwierig, diesen Blick der Enttäuschung bei einer Mutter zu sehen. Ich stehe zu meinem Leben und bin zu dem der Meinung, ich wäre heute nicht der, der ich sein darf, wenn ich nicht diese Vergangenheit hätte.

Gsi.News: Du hast eine recht schwierige Kindheit gehabt, wurdest von deinem Vater regelmäßig physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt. Hast du deinen „Erzeuger“, wie du ihn später im Buch nennst, jemals wieder gesehen? Konntest du ihm alle seine Taten, auch jene der Bürgschaft, verzeihen?

AW: Ja, ich habe sicher dreimal einen Schritt auf ihn zu gemacht. Aber er lebt in seiner Welt, er sieht vieles anders, er hat eine eigene Wahrheit. Ich bin auch überzeugt, er glaubt selber seinem Wahrnehmen. Ich habe mit meinem Erzeuger abgeschlossen. Ich habe ihm verziehen, was aber nicht heißt, dass ich jemals sein TUN vergessen habe oder werde.

Gsi.News: Im Buch kommen sowohl deine jüngere Schwester sowie deine Stieftochter Delia zu Wort. Spannend wäre gewesen, dass auch deine Partnerin Conny ihre Sicht der Dinge und den sicherlich schwierigen Umgang während deiner Abwesenheit zuhause, darstellt. War das nie Thema?

AW: Ich hätte auch gerne ihre Meinung inkl. den Gefühlen auf Papier gebracht, aber ich respektiere auch ihre Entscheidung, dass sie dies nicht möchte. Aber ich darf heute sagen, dass ich eine wunderbare Frau habe die durch mein TUN sehr viel miterleben durfte. Sie hat Dinge mit mir durchgestanden, die nicht viele Frauen mitgemacht hätten. Vielen Dank!

Gsi.News: Offen bleibt auch für den Leser, wie deine Mutter reagiert hat, als sie erfuhr, dass du inhaftiert wurdest und zehn Monate in einem Liechtensteinischen Gefängnis absitzen musst. Wann hat sie davon erfahren und wie war ihre Reaktion?

AW: Ich sehe heute noch ihren Blick, als sie mich das erste Mal im Gefängnis besuchen kam. Ich denke heute noch oft an diesen enttäuschten Blick zurück. Meine Vergangenheit Tausenden Menschen zu erzählen ist für mich nicht so schwer, als die richtigen Worte in diesem Augenblick einer Mutter zu sagen, die ihrem kriminellen Sohn gegenüber steht. Sie hat mich trotzdem nie fallen gelassen. Im Gegenteil: Sie stand jetzt noch mehr zu mir. Jahre später hat sie zum Glück noch ein Teil meiner Veränderung miterleben dürfen. Leider ist sie vor fünf Jahren gestorben. Ich denke sehr oft an sie. Sie war einer der wenigen Menschen, die mir immer wieder aufgeholfen haben. 

Gsi.News: Deine Biografie ist ein Sammelsurium an Themen, welche in unserer Gesellschaft oft nur nebenbei behandelt werden: Häusliche Gewalt, Mobbing unter Gleichaltrigen respektive in Schulen, Autotuning, kriminelle Delikte, Umgang mit einem Mörder oder Kinderschänder, Fitnesswahn und Doping etc. Welches war das schwierigste Thema, über das du geschrieben hast?

AW: Ich habe alle diese Themen, die ich in meinem Buch beschrieben habe, erlebt. Es ist wirklich nicht leicht, aber ich denke, die Kindheit inkl. Mobbing hat mich am meisten in eine Spur gebracht, die ich sehr lange nicht mehr verändern konnte. Hier wurde mein Selbstbewusstsein für viele Jahre vorprogrammiert und niemand hatte mich gefragt, ob ich das so wollte.

Gsi.News: Du schreibst, dass du eine Vielzahl an Straftaten in vier Ländern gemacht hast. Weshalb wurdest du dann von Österreich nach Liechtenstein überführt und hast dort deine Haft abgesessen und nicht in der Schweiz, in Österreich oder Deutschland?

AW: Ich wurde in der Schweiz festgenommen und anschließend nach Liechtenstein überführt. Wieso? Weil Liechtenstein einen internationalen Haftbefehl auf meinen Namen ausgeschrieben hat. Also ich wäre an diesem Tag so oder so nicht mehr nach Hause gekommen. Die Schlinge hat sich langsam aber sicher zugezogen.

Gsi.News: Ein schönes Kapitel in deinem Buch ist, wie du Freundschaft mit einem älteren Herrn namens Roland geschlossen hast, in welchem du die Vaterfigur, die du all die Jahre gesucht hast, schließlich fandest. Er musste länger wie du in Haft bleiben. Habt ihr euch je wiedergesehen? Oder was würdest du ihm sagen, wenn du die Möglichkeit dazu hättest? Man kann ja Kontakt auch über Briefe halten.

AW: Kontakt zu halten ist leider nicht so leicht, da er durch seine Strafdaten (Steuer CD und Erpressung einer Bank, die dem Fürsten gehört) mich immer wieder in Gefahr gebracht hätte. Aber was ich tun würde, wenn ich Roland nochmal sehen würde: Ich würde nichts reden oder fragen. Ich würde ihn umarmen, um ihm ganz nahe am Herz zu haben. Schon beim Schreiben kommen wieder die Tränen. Ich vermisse ihn unheimlich.

Gsi.News: Deine Lebensgeschichte ist in gewisser Weise auch eine Art Liebesgeschichte à la „Bonnie & Clyde“. Du hast um die Beziehung mit deiner Freundin und Kindsmutter wie ein Löwe gekämpft und ihr schließlich einen besonderen Heiratsantrag gemacht. Möchtest du davon erzählen?

AW: Sie ist heute noch viel mehr eine Traumfrau, wie sie es zu dieser Zeit war. Ich wollte für eine besondere Frau einen besonderen Antrag machen. Also habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und bei dem Handballspiel/bei einem Derby als Maskottchen verkleidet vor dem ganzen Publikum inklusive live Staatssender ihr auf Knien einen Antrag gemacht. Zum Glück hat sie auch „JA“ gesagt, denn sie gehört zu denen Frauen, die hätte auch live und vor diesem Publikum „Nein“ gesagt!

Alexander Wieser (re.) mit seiner heutigen Ehefrau Conny

Gsi.News: Für viele junge Leser sind bestimmt die Themen Schlägereien und Beschaffungskriminalität von besonderem Interesse. Hattest du seit deiner Freilassung nie wieder eine Auseinandersetzung mit jemandem, bei dem es zu Handgreiflichkeiten kam?

AW: Ja, diese Möglichkeit ergab sich immer wieder, aber ich muss mir heute nichts mehr beweisen. Ich muss heute nicht wissen, wer der Bessere ist. Es gibt aus meiner Sicht bei einem Krieg oder Kampf keinen Sieger. Wenn wir ehrlich zu uns selber sind, gibt es immer nur Verlierer, denn jeder Kampf ist einer zu viel.

Gsi.News: Thema „Red Bull“: Du bezeichnest dich im Buch als „Red-Bull-Junkie“ und beschreibst auf interessante Weise, wie du damals den kompletten Markt des Gsiberg-Ländles beliefert hast. Trinkst du heute noch diesen Energydrink in diesem Stil oder hast du mittlerweile zu einem anderen Getränk gewechselt?

AW: Red Bull wird immer mein Getränk bleiben. Schließlich habe ich auch das Logo auf meinen Rücken tätowiert. Ich verehre auch den Herrn Mateschitz: Er ist mit Red Bull zweimal umgefallen und hat aber nie aufgegeben. Heute ist er der reichste Österreicher. Vor kurzem durfte ich mit ihm persönlich sprechen. Er ist für mich ein Vorbild.

Gsi.News: Und wie kam es dazu, dass du Dietrich Mateschitz persönlich treffen konntest und welche Fragen hast du dem „Vater von Red Bull“ gestellt?

AW: Ich würde sagen, die Frechheit hat gewonnen….ich war mit ein paar Lehrlingen auf einen Wochenende Seminar in Salzburg und da gehört der Hange 7 zum Pflichtprogram…. Einer der Lehrlinge meinte er habe Dietrich Mateschitz gesehen und ich konnte nicht mehr Sitzen bleiben. Bin hinaus gelaufen und genau in diesem Augenblick ging seine Bürotüre auf…..und schon stolperte ich zu ihm….kurz hallo gesagt und ein Foto gemacht, danach haben wir uns ca. 15min unterhalten…Meine Frage an ihn war, woher die Kraft genommen hat, als das Red Bull am Anfang floppte….. Er meinte je mehr ihm abgeraten haben umso mehr wusste er, dass es seine Mission ist. Natürlich hatte er seine Vision und er wusste wichtig ist selber daran zu glauben und ohne Fleiß und harter Arbeit geht es nicht.

Gsi.News: Das Thema „Zeit“ hat für dich im Gefängnis – um deine Worte zu verwenden „in der Gitterbox“ – eine neue Dimension angenommen. Ohne Uhr zu leben und nicht zu wissen, wie spät es ist oder welcher Tag, ist sicher eine ganz neue Erfahrung. Wie gehst du heute, Jahre nach deiner Freilassung, mit Zeit um und welchen Rat kannst du gestressten Personen, die von der Zeit „(an)getrieben“ werden, geben?

AW: Die Uhr bestimmt unser Leben, ist der Sklave der Gegenwart. Auch das Handy übernimmt seinen Teil in unserem Leben. Dank dieser Erfahrung nehme ich mir immer wieder Zeit, Zeit für mich und nur für mich oder für wichtige Menschen. Macht ist, das Handy und die Uhr für Momente weg zu legen. Es kann nicht alles ändern, aber wer es kann, wird eine andere Lebensqualität erleben dürfen.

Gsi.News: Mit 1. 1. 2020 hast du dich noch ein Stückchen freier gemacht und gehst keinem Angestelltenverhältnis mehr nach. Du hast mehrere Solarien – u.a. in Frastanz – und trittst als Speaker und Motivator in großen Sälen auf und besuchst auch Schulen. Wie reagieren Leute, die deine Geschichte erzählt bekommen, darauf?

AW: ich bringe sie zum Nachdenken. Ich halte für einen Moment ihr Leben an. Nehme sie aus ihrem Leben und schenke ihnen Zeit. Zeit zum inne halten!

Gsi.News: Eigentlich wärst du im Moment bei einem ganz besonderen Projekt unterwegs, nämlich von Vorarlberg nach Hamburg. Um was geht es dabei und warum konntest du es schlussendlich nicht realisieren?

AW: Es geht um die Menschlichkeit und dass man alles schaffen kann, wenn man es im Herz auch will. Leider hat Corona meinen Lauf unterbrochen. Für den Moment hat mich Corona eingebremst, aber ich werde diese Mission machen – und zwar schneller, wie es der Welt recht sein wird.

Gsi.News: Welche Erwartungen hegst du nun nach Publikation „deiner Geschichte“? Hast du bereits Rückmeldungen von Lesern erhalten?

AW: Das Feedback bestärkt mich jeden Tag im TUN. Es sind so viele megaschöne und liebe Rückmeldungen. Aber zusammengefasst: Ich bringe die Menschen zum Nachdenken. Und was kann man sich mehr wünschen?

Gsi.News: Und welche Ziele hast du dir für die nahe Zukunft gesteckt?

AW: Vor tausenden Menschen auf einer Bühne zu stehen und den Menschen ein kleines Stück Menschlichkeit zurück zu geben. Einen Raum zu schenken, nicht perfekt zu sein, und die Zeit zu vergessen.

Vielen Dank für das Interview!

Factbox:

  • Alexander Wieser
  • Geboren am 15. 02. 1977 in Schruns
  • Familie: verheiratet, zwei Kinder
  • Erlernter Beruf: Kfz-Mechaniker
  • Aktueller Beruf: Speaker
  • Hobbys: Familie, Sport und Menschen beobachten
  • Lieblingsbuch: Zweite Chance verpasst
  • Vorarlberg ist für mich: Rückzugsort, Tankstelle der Energie
  • Erstveröffentlichung: Zweite Chance verpasst. Bucher Verlag. ISBN 978-3-99018-542-1
  • Kontakt: alexander-wieser.com

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