20 Jahre aktiv gegen das Vergessen – vorbildliche Erinnerung an die Shoah

20 Jahre aktiv gegen das Vergessen – vorbildliche Erinnerung an die Shoah
 

Vor genau 20 Jahren wurde der Verein _erinnern.at_ von den beiden Vorarlberger Historikern Werner Dreier und Peter Niedermair gegründet. Johannes Spies, Vorarlberg-Koordinator und Nachfolger von Werner Bundschuh, stand Rede und Antwort für GSI.NEWS.

Werfen wir einen Blick in die Anfänge der Initiative. Was war damals der Beweggrund und inwiefern ist er es heute noch, den Nationalsozialismus und die Shoah zu thematisieren, gerade weil viele Menschen das Gefühl haben „jetzt ist langsam genug“?

Johannes Spies: Ausgangspunkt waren vor 20 Jahren die verbesserungswürdigen Darstellungen des Nationalsozialismus in österreichischen Schulbüchern. NS-Opfer kamen darin quasi nicht zu Wort. Werner Dreier und Peter Niedermair begannen damals, Tagungen zu diesem Thema zu organisieren. Etwas später entstand über ein Abkommen zwischen der Republik Österreich und dem Staat Israel ein Austausch zu Kultur- und Bildungsinitiativen. Daraus entwickelte sich das erste „Israel-Seminar“ für LehrerInnen aus ganz Österreich. Heute haben wir diesbezüglich eine wesentlich bessere Situation. Es ist aber nach wie vor wichtig, dass wir uns die Frage stellen, was die Geschichte des Nationalsozialismus mit uns heute zu tun hat. Wir können daraus für die Herausforderungen der Gegenwart lernen, etwa wenn es um Fragen der Diversität, Toleranz oder Demokratie geht.

Zeitzeuge Herbert Traube, der in Vorarlberg mehrere Schulbesuche abhielt, mit Johannes Spies von _erinnern.at_

Was sind die größten Meilensteine, die _erinnern.at_ in den vergangenen Jahren erlebt hat?

Spies: Hier sind die zahlreichen Unterrichtsmaterialien und Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrpersonen zu nennen. Besonders möchte ich das Jugendsachbuch „Nationalsozialismus in Vorarlberg“ von Meinrad Pichler hervorheben. Die übersichtlichen Darstellungen und das Bildmaterial sind für den Geschichteunterricht eine bereichernde Quellensammlung. Die neue Lern-App „Fliehen vor dem Holocaust“ macht Lernen über den Nationalsozialismus mit Tablet oder Smartphone möglich.

Wie kamst du dazu und was motiviert dich an der Mitarbeit als Koordinator für das Bundesland Vorarlberg?

Spies: In meiner Tätigkeit als Lehrer für Geschichte und Politische Bildung habe ich die vielen Angebote von _erinnern.at_ zu schätzen gelernt. Besonders über die einzigartigen Fortbildungsmöglichkeiten, wie etwa das Israel-Seminar oder den Hochschullehrgang „Pädagogik an Gedächtnisorten“, bin ich über mehrere Jahre mit _erinnern.at_ in engem Kontakt gewesen. Da lag es auf der Hand, dass ich mich schnell für eine Mitarbeit begeistern konnte.

Großes Thema ist die Weiterarbeit wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind. Bei den Zeitzeugentreffen in Salzburg und Wien werden es ja Jahr für Jahr weniger Überlebende. Welche Möglichkeiten werden hier in Bälde für Lehrpersonen und Multiplikatoren zur Verfügung stehen?

Spies: Noch leben glücklicherweise Zeitzeugen, die uns über ihre Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus berichten können. Auch in Vorarlberg besuchen Zeitzeugen Schulklassen – ein Angebot, das von Schülern und Lehrpersonen sehr geschätzt wird. _erinnern.at_ hat bereits in mehreren Projekten, wie etwa den Interview-Sammlungen „Das Vermächtnis“ oder „Neue Heimat Israel“ Erzählungen von Zeitzeugen gesammelt. Diese sind über unsere Website www.erinnern.at zugänglich. Ein neues Angebot ist www.weitererzaehlen.at. Auf dieser Website können über 150 Interviews nach Schlagworten durchsucht werden, was die Recherche zu einem bestimmten Thema erheblich erleichtert. Die Sammlung wird fortlaufend ergänzt. In der Zukunft wird eine digitale Landkarte, die Erinnerungszeichen für die Opfer des NS-Regimes mit Hintergrundinformationen zugänglich macht, für Schüler bereit stehen.

Ausblick auf die nächsten Jahre: Was wollen die Mitglieder von _erinnern.at_ noch alles erreichen, was sind konkrete Ziele?

Spies: Eine Herausforderung stellt die zunehmende Heterogenität in Klassenzimmern dar. Gerade das Lernen anhand von Lebensgeschichten, wie es bei _erinnern.at_ oft im Mittelpunkt steht, ist dazu geeignet, Lernen aus der Vergangenheit möglich zu machen.

Zur Person

  • Johannes Spies
  • Geboren am 23. Oktober 1981 in Graz
  • Beruf: Lehrer für Englisch, Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung
  • Mitarbeiter Kulturvermittlung Jüdisches Museum Hohenems
  • Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Vorarlberg
  • Koordinator von _erinnern.at_ in Vorarlberg
  • Erinnern ist für mich: Aus der Geschichte für die Gegenwart zu lernen
  • Kontakt: johannes.spies@erinnern.at
  • www.erinnern.at/vorarlberg

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