Am heutigen Sonntag, dem 11. Oktober, stand ein Besuch in Hohenems im Zeichen jüdischer Geschichte, Kultur und Literatur. Die Führung durch das Jüdische Viertel vermittelte eindrucksvolle Einblicke in die Geschichte der jüdischen Gemeinde, ihr religiöses und gesellschaftliches Leben sowie die wechselvolle Entwicklung des Zusammenlebens. Anschließend bot das Literaturhaus einen weiteren Zugang zur jüdischen Kultur und Geistesgeschichte. Der Rundgang, bei dem rund zwei Dutzend Teilnehmer aus Vorarlberg, Liechtenstein und der Schweiz zugegen waren, machte deutlich, wie eng historische Erinnerung, kulturelle Vielfalt und die Verantwortung für ein respektvolles Miteinander miteinander verbunden sind.

Die unglaublich spannende und informative Tour startete im Jüdischen Museum, der ersten von drei Rosenthal-Villen.
Historischer Kontext: Die Grafschaft Hohenems
Die Grafen von Hohenems etablierten sich früh als bedeutende Macht im Reich, gestützt auf erfolgreiche Soldateneinheiten und florierende Handelsbeziehungen. Der Aufstieg des Marktes Hohenems basierte auf strategischen Privilegien, einschliesslich der Reichsgrafschaft, die es erlaubte, gezielt Minderheiten anzusiedeln, um den Handel zu forcieren.
Die Jüdische Gemeinde: Privilegien und Restriktionen
Die Ansiedlung jüdischer Familien ab 1617 war ein kalkulierter Akt zur Wirtschaftsförderung. Trotz eines vergleichsweise grosszügigen Schutzbriefs war die Gemeinde starken Einschränkungen unterworfen:
• Berufsverbot: Der Ausschluss aus den katholischen Zünften zwang die Gemeinde in den Handel (vom prekären Hausierhandel bis zu erfolgreichen Grosskaufleuten).
• Grundbesitz: Jüdische Bewohner durften Häuser bauen, blieben aber vom Grundbesitz ausgeschlossen; der Boden verblieb im Eigentum der Grafen.
• Infrastruktur: Der Schutzbrief erlaubte den Bau einer Synagoge und das Anlegen eines Friedhofs sowie die Religionsausübung, sofern diese diskret erfolgte.
Die soziale Struktur der jüdischen Minderheit spiegelte jene der Mehrheitsgesellschaft wider: Eine breite Schicht Armer stand einer kleinen Elite wohlhabender Händler gegenüber.

Das Erbe des Grafenhauses
Nach dem Aussterben der Grafen von Hohenems im Mannesstamm übernahmen die Nachkommen der Familie Waldburg-Zeil durch Heirat die Liegenschaften.
• Kaiserliche Verbindung: Der Titel „Graf von Hohenems“ wurde Teil der grossen Titulatur der Habsburger. Kaiserin Elisabeth (Sisi) nutzte diesen Titel inkognito, unter anderem bei ihrem letzten Aufenthalt in Genf.
• Kultur & Architektur: Der Palast mit seinem Rittersaal gilt heute als akustisches Juwel und wird für Konzerte und Hochzeiten genutzt.
Die Entstehung Liechtensteins
Die territoriale Fragmentierung der Region führte Anfang des 18. Jahrhunderts zur Loslösung Liechtensteins aus der Grafschaft Hohenems.
Obwohl die Liechtensteiner Fürsten bereits mächtiger und wohlhabender als die Emser Grafen waren, fehlte ihnen die Stimme im Reichstag. Durch den Erwerb der ehemals zur Grafschaft Hohenems gehörenden Gebiete sicherten sie sich diesen entscheidenden politischen Status.

Rechtlicher und gesellschaftlicher Wandel
Der Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert markierte den Wandel von repressiven Einschränkungen zur vollen Staatsbürgerschaft.
• Bayerische Ära (ab 1804): Mit dem Bayerischen Judenedikt erfolgte eine stärkere bürokratische Erfassung. Jüdische Familien wurden verpflichtet, deutsche Nachnamen anzunehmen, um die Unterscheidbarkeit für die Verwaltung zu gewährleisten.
• Durchbruch 1867: Unter Kaiser Franz Joseph erhielten jüdische Bürger die volle Gleichberechtigung. Dies führte paradoxerweise zu einer Abwanderung in grössere Wirtschaftszentren wie St. Gallen, Wien oder Triest, da dort bessere Aufstiegschancen bestanden. Um 1800 stellten jüdische Bürger noch etwa 10 % der Bevölkerung von Hohenems (500 von 5000 Einwohnern).

Sakrale und öffentliche Architektur
Die bauliche Substanz spiegelt den wechselhaften Umgang mit der jüdischen Geschichte wider.
Ehemalige Synagoge
• Bau: 1777 durch den Bregenzerwälder Barockbaumeister Peter Bein errichtet.
• Transformation: 1938 zweckentfremdet, wurde sie in den 1950er Jahren zum Feuerwehrhaus umgebaut. Dabei wurden architektonische Merkmale wie der Uhrturm und die Andeutung des Thoraschreins an der Fassade entfernt, um die jüdische Identität des Gebäudes visuell zu tilgen.
• Heutige Nutzung: Nach einer umfassenden Renovierung dient das Gebäude heute als Musikschule und Veranstaltungssaal – auch für muslimische Hochzeiten.

Jüdische Schule und Mikwe
• Schule: Die in den 1820er Jahren gegründete Schule galt als fortschrittlich und wurde bis in die 1890er Jahre auch von christlichen Kindern besucht. Ein landtäglicher Erlass, der den gemeinsamen Unterricht untersagte, führte 1913 zur Schliessung.
• Mikwe: Das rituelle Bad wurde ebenfalls in den 1820er Jahren errichtet. Es basiert auf dem Prinzip des fliessenden, natürlichen Grundwassers. Nach einer langen Phase der Unkenntnis wurde die Mikwe im Zuge von Archivstudien wiederentdeckt und restauriert.

Villa Rosenthal und die Revitalisierung des Viertels
Die Villa Ivan und Franziska Rosenthal steht repräsentativ für den Wohlstand und den späteren Verlust des jüdischen Bürgertums.
• Architektur: Entworfen vom Zürcher Architekturbüro Chiodera & Tschudy, weist sie starke Parallelen zu Schweizer Bauten der Zeit auf.
• Rettung: Nach Jahrzehnten des Zerfalls und der Nutzung als Substandard-Wohnraum erwarb ein Konsortium aus Alpla, Russmedia und Collini das Objekt für 6 Millionen. Die aufwendige Restaurierung rettete Wandgemälde und originale Holzeinbauten.
• Literaturhaus: Heute fungiert die Villa als Literaturhaus Vorarlberg und als offener Arbeitsraum (Open House), was zur Gentrifizierung und Aufwertung des gesamten Viertels beigetragen hat.
„Chronik des jüdischen Viertels Hohenems“
1777 | Bau der Synagoge | Errichtung durch Peter Bein.
1804 | Bayerisches Edikt | Einführung fester Nachnamen und verstärkte Registrierung.
1820er | Bildung & Ritual | Bau der jüdischen Schule und der Mikwe.
1867 | Volle Gleichberechtigung | Staatsbürgerschaft für alle jüdischen Bewohner.
1898 | Villa Rosenthal | Einzug der Familie Rosenthal in den Neubau.
1913 | Ende der Schule | Schliessung aufgrund des Verbots gemischten Unterrichts.
1938 | Arisierung | Verkauf der Villa Rosenthal und Ende der Gemeinde.
1950er | Umgestaltung | Umbau der Synagoge zum Feuerwehrhaus (Tilgung der Historie).
Heute | Kulturzentrum | Nutzung als Literaturhaus, Musikschule und Museum.



Städtebauliche Beobachtungen
Das Viertel durchlief eine Phase als Arbeiterquartier für Gastarbeiter (insbesondere in den 1970er bis 1990er Jahren), bevor die gezielte Revitalisierung einsetzte. Das heutige Ensemble zeichnet sich durch eine hohe architektonische Qualität aus, einschliesslich des neuen Rathauses, das sich in die historische Linie einfügt. Die Stadt plant langfristig eine Verkehrsberuhigung durch den Ausbau von Tiefgaragen, um den historischen Kern als Fussgängerzone zu etablieren.
Die Erzählung dokumentiert das Porträt von Amalie („Mani“), einer emanzipierten Frau des frühen 20. Jahrhunderts, und die Besitzgeschichte einer Villa vor dem Hintergrund des Jahres 1938.



Kernbiografie Amalie
Amalie galt für ihre Zeit als überdurchschnittlich gebildet und eigenständig. Trotz einer als bedrückend empfundenen Jugend in der grosselterlichen Villa, geprägt von Einsamkeit und traditionellen Handarbeiten, schlug sie einen modernen Weg ein. Sie beherrschte Französisch sowie Stenografie, war im Ersten Weltkrieg in einem Münchener Lazarett tätig und arbeitete später als Arztassistentin. Ihren Lebensmittelpunkt verlegte sie nach Zürich, blieb kinderlos und pflegte ihre Mutter Franziska bis zu deren Tod im Alter von über 100 Jahren.
Die Zäsur von 1938
Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1936 erbte Amalie das Anwesen. Da sie bereits in Zürich etabliert war und keinen persönlichen Bezug zur Liegenschaft pflegte, entschloss sie sich zum Verkauf.
• Zeitpunkt: Mai 1938.
• Kontext: Es handelte sich laut Überlieferung um einen regulären Verkauf und nicht um eine zwangsweise Arisierung, wenngleich der erzielte Preis aufgrund der politischen Lage (kurz nach dem „Anschluss“) vermutlich unter dem eigentlichen Marktwert lag.
• Erwerber: Die Familie Beste, in deren Besitz das Haus bis vor kurzer Zeit verblieb.
Offene Punkte und Blind Spots
• Indirekter Druck: Die Abgrenzung zur Arisierung ist historisch relevant: Es bleibt jedoch ungeklärt, inwieweit der Verkaufsentschluss indirekt durch den politischen Druck nach 1938 forciert wurde.
• Aktuelle Nutzung: Details zur zukünftigen Bewirtschaftung des Hauptgebäudes nach dem Eigentümerwechsel durch die Familie Beste sind nicht ausgeführt.

Wunderschön renoviert und eine wahre Bereicherung für die Stadt Hohenems. Fotos: Bandi R. Koeck












