Der freundliche ältere Herr, Kanzler der immerwährend strengneutralen Alpenrepublik im Schutzkorridor der Nato-Staaten, lobt die bezahlte Arbeit im Kontrast zur vermeintlich freiwilligen Fürsorgearbeit für Kinder und überhaupt Familie und Freunde. Er hat wie vermutlich wir alle, die kapitalistische Doktrin verinnerlicht: was keinen Marktpreis hat, ist wertlos.
Von Dr. Albert Wittwer
Die Natur schlägt zurück. Erst seit kurzem beraten unsere Hauptleute im klimatisierten Bunker, wie das zu bewerkstelligen sei, Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum einerseits und der Schutz der Bevölkerung vor Durst und Dürre, auch der Schutz der Weiderinder, andererseits.
Sowas ficht die wahren Herren des kapitalistischen „Systems“ nicht an. Ihr Raketenschrott ist schon tonnenschwer am Mond verstreut. Die Aktien der fünfhundert weltweit größten Unternehmen sind in den letzten fünf Jahren um vierundsiebzig Prozent im Börsenwert gestiegen. Die Umwelt wird in den Börsenkursen nicht abgebildet. Ob die Armen Luft zum Atmen haben, Wasser zum Trinken, ist den Börsen egal. Sie kaufen Grundstücke auf Grönland.
Ich befürchte, wir alle leiden an Cognitiver Dissonanz. Sie befähigt uns, Erkenntnisse, durchaus auch eigene und vor allem solche der Wissenschaft, zu ignorieren und unser Verhalten nicht anzupassen. Oder nur soweit, daß wir bei akuter Hitze den Schatten suchen? Gut, das ist vermutlich prähistorisches, biologisches Erbe, ein unbewusster Reflex.
Metzinger beschrieb im Jahre 2023 den „globalen Panikpunkt“ als den historischen Moment, in dem die große Mehrheit der ganz normalen Menschen auf unserem Planeten plötzlich zwei einfache Tatsachen wirklich realisieren wird, nicht nur mit dem Intellekt, sondern auch gefühlsmäßig. „Alles, was man ihnen die letzten vier Jahrzehnte (!) über den Klimawandel und die planetare Krise erzählt hat, entsprach tatsächlich der Wahrheit. Tatsache zwei: jetzt ist es zu spät, die Katastrophe beschleunigt sich nicht nur, sie ist auch unumkehrbar.“
Wie schon früher werden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, von mir das übliche „trotzige Dennoch“ erwarten. Es ist die Antwort der existenzialistischen Philosophie auf Bedrohung, die sich der Wirkmacht des Individuums entzieht. Wir wässern den Garten, pflanzen das Apfelbäumchen, spielen mit Kindern, Enkeln und Freunden, schreiben Gedichte.
Anmerkung:
Thomas Metzinger, Bewußtseinskultur, Spirtualität und intellektuelle Redlichkeit und die planetarische Krise;
Camus: „Man muß sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“;
Sartre: „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“;
Viktor Frankl: „Die Trotzmacht des Geistes“;
Martin Luther zugeschrieben: „Wenn ich wüsste, daß morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“











