Zwischen den Aggregatzuständen des Daseins
Die Johanniterkirche Feldkirch präsentiert mit „Between States of Matter“ eine Ausstellung, die sich nicht auf klassische Objektkunst beschränkt, sondern den Kirchenraum selbst zum Teil des Werkes macht. Der aus dem Kleinwalsertal stammende und seit vielen Jahren in New York lebende Künstler Mathias Kessler setzt sich mit Transformation, Vergänglichkeit und den ökologischen wie gesellschaftlichen Umbrüchen unserer Zeit auseinander. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Wissenschaft, Kunst und philosophischer Reflexion – genau dort, wo feste Zustände in Bewegung geraten.


Bereits der Ausstellungstitel verweist auf jene Zwischenräume, in denen sich Materie verändert. Kessler versteht diesen Zustand der Schwebe jedoch nicht nur physikalisch, sondern als Bild für eine Epoche, in der Gewissheiten brüchig geworden sind. Klimawandel, Artensterben, Ressourcenverbrauch und gesellschaftliche Umwälzungen erscheinen als Prozesse, deren Ausgang offen ist.
Im Kirchenschiff entfaltet eine Videoarbeit ihre stille Kraft. Ausgangspunkt ist Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde „Das Eismeer“ von 1823/24. Über nahezu zwei Jahrhunderte hinweg schmilzt die romantische Landschaft in einer beschleunigten Zeitreise dahin. Aus einem Sinnbild der Naturgewalt wird ein eindringliches Bild menschlich verursachter Veränderung. Das Werk zwingt den Betrachter, Zeit neu wahrzunehmen: Was im Alltag kaum sichtbar ist, vollzieht sich hier innerhalb weniger Minuten.
Ebenso eindrucksvoll wirkt die großformatige, aus illegal exportiertem Plastikmüll gewebte Decke, die über dem freigelegten Boden der Johanniterkirche schwebt. Die Installation verbindet globale Stoffkreisläufe mit der archäologischen Tiefe des historischen Sakralraums. Vergangenheit und Gegenwart treffen unmittelbar aufeinander.


Bilder: Handwoven carpet made out of palstic foun in the informal plastic trade in Turkey, 2025, 6 x 8 m, Fotos: Bandi Koeck/Gsi.News
Den emotionalen Höhepunkt erreicht die Ausstellung jedoch im hintersten Raum der Kirche – der ehemaligen Sakristei. Dort begegnet der Besucher einem menschlichen Totenschädel, der langsam von Korallen überwachsen wird. Die Arbeit entfaltet gerade im sakralen Kontext ihre außergewöhnliche Wirkung. Knochen werden zum Nährboden neuen Lebens. Aus dem Symbol des Todes entsteht Wachstum. Der Schädel verliert nicht seine Identität, sondern wird von einem lebenden Organismus vereinnahmt und verwandelt.
Diese Installation gehört zu den stärksten Arbeiten der Ausstellung. Sie verbindet christliche Vanitas-Symbolik mit biologischen Kreisläufen und verweist zugleich auf die Zerbrechlichkeit mariner Ökosysteme. Der Mensch erscheint nicht mehr als Beherrscher der Natur, sondern selbst als Teil eines Stoffkreislaufs. Knochen werden zu Korallenfutter – eine ebenso verstörende wie tröstliche Vorstellung. Die Grenzen zwischen Leben und Tod, Natur und Kultur, Vergangenheit und Zukunft lösen sich auf.
Gerade diese Vielschichtigkeit macht „Between States of Matter“ aus. Kessler liefert keine eindeutigen Antworten. Seine Arbeiten verlangen Aufmerksamkeit und Zeit. Sie eröffnen unterschiedliche Lesarten und verbinden ökologische Fragen mit existenziellen Themen. Die Johanniterkirche wird dadurch nicht bloß zum Ausstellungsort, sondern zu einem Denkraum, in dem Kunst, Geschichte und Spiritualität miteinander in Dialog treten.

Factbox
Ausstellung: Between States of Matter
Künstler: Mathias Kessler (Kleinwalsertal/New York)
Ort: Johanniterkirche Feldkirch
Dauer: 20. Juni bis 26. September 2026
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10–18 Uhr, Samstag 10–14 Uhr
Kurator: Arno Egger
Eintritt: frei











