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Start Meinung gsi.kolumne

Freiheitsberaubung in Kuchl

von Red
20. Oktober 2020
in gsi.kolumne, Österreich
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Von Dr. Albert Wittwer

Die Gemeinde Kuchl im Tennengau ist unter Quarantäne gestellt worden. Zusätzlich zur Maskenpflicht auch im Freien und Hygienemaßnahmen gelten Reiseverbote, Bewegungseinschränkungen, die zum völligen Erliegen vieler Geschäftstätigkeiten führen. Kultur, Vereine? Da war doch mal was. Und es brechen über Nacht die Einnahmen weg, die Existenz von Geschäften steht auf dem Spiel. Die Freiheit steht in Kuchl auf Stand-by. Und in einigen Tagen gibt es österreichweit neue Corona-Beschränkungen.

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In einer früheren Glosse habe ich die Verfassungswidrigkeit von Corona-Verordnungen vermutet. Ob die neuen Einschränkungen vor Gericht landen? Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.

Gesundheit ist das höchste Gut. Oder ist es die Freiheit?

In einer ausführlichen Studie hat man festgestellt, daß im Zoo gehaltene Säugetiere deutlich länger leben als ihre Artgenossen in Freiheit. Davon gibt es Ausnahmen. Delphine halten den Atem an, um zu sterben, wenn sie zur Erkenntnis gelangen, daß sie nicht mehr freigelassen werden. Die Ureinwohner auf den Kanaren sollen – nach Eroberung durch die Spanier, in Unfreiheit – an gebrochenem Herzen gestorben sein.

„Mehr noch sterben an gebrochenem Herzen“. Die Erfahrungen, das Leid und die hohe Todesrate in den Altersheimen während und nach dem Lock-Down  sprechen Bände.

Es ist unbestritten, daß meine Freiheit nur so weit reichen darf, als ich bei Ausübung meiner Freiheit meine Mitmenschen nicht schädige, nicht verletze. Das betrifft auch die Unternehmen. Gut, das politische Lob für unsere   Leistungsbereitschaft und das Credo der angeblichen  Leistungsgerechtigkeit, die uns allen diene, mag trotz Arbeitsmedizin zu manchem Burn-Out führen, zu ziemlichem Lärm, CO2 in der Atemluft, zu in harmlosen Nahrungsmitteln verstecktem Zucker und Palmölfett.  

Was zählt mehr, der Schutz unseres (dennoch immer endlichen) Lebens oder unsere (ohnehin immer beschränkte) Freiheit?

Wir sehen daraus: Man muß die Rechtsgüter abwägen. Das können die besseren Juristen – wenn man sie läßt. Die Ministeralbürokratie hat dazugelernt. Die Verordnungen, soweit sie in den Medien kolportiert werden, erscheinen mir treffsicherer. Abwägungsfragen sind schwierig, sie sind auch hoch politisch. Damit sind wir wieder beim Spannungsfeld von Recht einerseits und Politik andererseits. Wir sollten uns nicht so sehr auf die nachprüfenden Gerichte verlassen müssen.

In Großbritannien oder eher England wollen die Brexiteers den Einfluß der Europäischen Höchstgerichte abwürgen. Sie haben selber, ähnlich wie die Schweiz, kein Verfassungsgericht und fühlen sich in ihrer politischen Souveränität durch „fremde Richter“ bedroht. Zur Schweiz gibt es Parallelen. Das Recht soll der Politik folgen, konsequenterweise gibt es für die Schweizer Richter beim Bundesgerichtshof sogar eine Amtszeitbeschränkung. Immerhin wurde ein nach Meinung der SVP unbotmäßiger Richter vor zwei Wochen doch wieder bestellt. Die populistischen Nationalisten auch innerhalb der EU möchten grundrechtsärmer durchregieren, akzeptieren aber die Urteile dann doch. Ein Zeichen hoher Zivilisation ist, daß derlei in Österreich  – post BMfI Kickl – für die politischen Parteien nicht (mehr) zur Diskussion steht.

Anmerkungen:

Ich denke, es ist bewiesen: konsequentes Maskentragen, Abstände zwischen Personen, Beschränkung der Personenzahl in Innenräumen, Desinfektion von Händen und Gebrauchsgegenständen halten die Pandemie in Schach.  

„More Die Of Heartbreak“, schöner Roman von Saul Bellow;

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Kommentare 4

  1. Cicero says:
    5 Jahren her

    Eine Gesellschaft, die sich Regeln gibt, die einander widersprechen und durch spitzfindige Auslegung handlungsunfähig machen, hat wohl keine andere Möglichkeit als solche Krisen nach der „Methode Pest“ zu lösen: Die, die die Krankheit nicht überstehen, kommen in die Grube und die Anderen können ihre widerstandsfähigen Gene an die nächsten Generationen weiter vererben…

  2. Lukas Marxer says:
    5 Jahren her

    Vielen Dank, Herr Witwer. Ich liebe Ihre Kolumnenbeiträge, wie immer sehr treffend geschrieben. Beim Lesen Ihrer Zeilen kamen mir Szenen aus dem Film „Braveheart“ in den Sinn. Sein Ende ist nicht so schön, viele Verschwörungstheoretiker behaupten auch, dass eine „Prohibition“ von Alkohol u.a. auch schon im Raume stünde. Es bleibt spannend und interessant zu beobachten, was sich manche Menschen/Gesellschaften alles gefallen lassen. Ziviler Ungehorsam ist aber andererseits auch schlimm.

  3. Thomas Bertram says:
    5 Jahren her

    Gesundheit oder Freiheit? Ein Gesunder wählt eher die Freiheit als ihre Beschränkung, oder in Abwandlung eines Plakates: „Vernünftige Menschen betreten dieses Geschäft (Bus/ …) nicht ohne eine Mund-Nasenbedeckung. Den anderen ist es verboten!“ In diesem Sinne, bleiben Sie gesund.

  4. Albert Wittwer says:
    5 Jahren her

    Lieber Cicero, es ist wahr, die Komplexität verlangt Spitzfindigkeit. Wir sind viele, wollen einander nahe sein, auf nichts verzichten. Malthus läßt grüßen. Obgleich die Wissenschaft und Ökonomie weit über alle Vorstellungskraft des 19. und 20. Jahrhunderts Lebensgrundlagen geschaffen hat – aber der freie Wildwuchs des „Fortschrittes“ wird nicht mehr möglich sein.

    Lieber Lukas Marxer, ich bin ganz bei Ihnen, schon in Pension, nicht untätig, Familie, Freunde, alle gesund. Ein Garten, sich zu entspannen. Da kann man gelassen zusehen. Was für eine andere Wahl haben wir schon?

    Lieber Thomas Bertram, mit den kleineren Beschränkungen – auch schon aus Respekt vor den Mitmenschen – werden wir gerne fertig. Eine mit mir befreundete ältere Dame ließ sich aus Anlaß von Covid eine Patientenverfügung von mir aufsetzen mit der Pointe: Im Falle einer Ansteckung keine Intensivbehandlung. Ob sie es sich im Falle des Falles wieder überlegt? Jedenfalls ein Lob der Autonomie.

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