Österreichweite Schülerumfrage zeigt widersprüchlichen Umgang mit KI: 96 Prozent nutzen entsprechende Programme, drei Viertel befürchten gleichzeitig, dass die Gesellschaft dadurch dümmer wird. Viele lernen schneller und stressfreier, vergessen die Inhalte aber auch rascher.
ChatGPT, Gemini und andere KI-Anwendungen sind längst im Schulalltag angekommen. Eine österreichweite Umfrage des Nachhilfeinstituts LernQuadrat unter 1.045 Schülern zwischen 11 und 20 Jahren zeigt, wie stark künstliche Intelligenz das Lernverhalten verändert. 96 Prozent der Befragten verwenden bereits KI-Tools. Viele berichten von Zeitersparnis, besseren Erklärungen und weniger Schulstress. Gleichzeitig zeigen sich problematische Entwicklungen. Zahlreiche Jugendliche geben an, dass sie durch KI erworbenes Wissen schneller wieder vergessen oder sich nur noch oberflächlich mit dem Lernstoff beschäftigen.
Besonders bemerkenswert ist ein Widerspruch: Obwohl nahezu alle Befragten selbst KI verwenden, sind 75 Prozent überzeugt, dass die Gesellschaft durch deren zunehmende Nutzung eher dümmer wird.

ChatGPT dominiert den Schulalltag
Die Nutzung von KI gehört für die meisten Schüler inzwischen zur Routine. Der Großteil verwendet entsprechende Anwendungen mehrmals wöchentlich, rund ein Drittel sogar täglich. Lediglich vier Prozent verzichten vollständig darauf.
Mit großem Abstand am häufigsten kommt ChatGPT zum Einsatz. Auf Platz zwei folgt Gemini. Insgesamt nannten die Jugendlichen mehr als 60 unterschiedliche KI-Anwendungen. Besonders häufig wird künstliche Intelligenz im Mathematikunterricht eingesetzt, gefolgt von Biologie, Physik und Chemie.
Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Schüler lassen sich Lerninhalte erklären, bereiten sich auf Tests und Schularbeiten vor, recherchieren Informationen oder kontrollieren ihre eigenen Lösungen. 40 Prozent erstellen mithilfe von KI Referate, 35 Prozent verwenden sie für Hausaufgaben. 19 Prozent lassen sogar ganze Texte schreiben, die anschließend unter ihrem eigenen Namen verwendet werden.
Die wichtigsten Beweggründe sind Zeitersparnis und ein besseres Verständnis des Lernstoffs. Ein Viertel der Befragten gibt an, durch KI selbstständiger zu lernen. Weitere zehn Prozent fühlen sich dadurch stärker motiviert.
Wo endet die Lernhilfe und wo beginnt das Schummeln?
Die Grenze zwischen sinnvoller Unterstützung und unerlaubter Eigenleistung ist für viele Jugendliche offenbar nicht eindeutig. Ein Drittel der Befragten betrachtet es ausdrücklich als Schummeln, wenn ganze Aufgaben von einer KI übernommen werden.
Gleichzeitig versuchen viele, KI-generierte Antworten sprachlich so zu verändern, dass sie wie selbst verfasste Texte wirken. Rund ein Drittel ist überzeugt, dass Lehrer den Unterschied zwischen eigener Leistung und KI-Unterstützung überhaupt nicht erkennen können. Weitere 57 Prozent glauben, dass eine solche Verwendung nur selten oder gelegentlich auffällt.
Konsequenzen wegen KI-generierter Schularbeiten oder Aufgaben hatten bislang nur 22 Prozent der Befragten.
Schneller lernen, aber weniger behalten?
Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse zum veränderten Lernverhalten. Drei Viertel der Jugendlichen geben an, dass künstliche Intelligenz ihre Art zu lernen beeinflusst hat.
45 Prozent berichten, dass sie mit KI schneller lernen. 23 Prozent beschäftigen sich dadurch sogar intensiver mit den Lerninhalten. Allerdings zeigt sich auch die Kehrseite der Entwicklung. Ebenso viele Befragte geben an, dass sie zwar schneller fertig werden, das Gelernte aber rascher wieder vergessen oder sich nur noch oberflächlich mit den Inhalten auseinandersetzen.
Zudem entsteht offenbar ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Leistungsfähigkeit. Zwei Drittel der Jugendlichen haben den Eindruck, dass Mitschüler durch den Einsatz von KI kompetenter wirken, als sie tatsächlich sind.
Positiv fällt hingegen die Entwicklung beim empfundenen Schulstress aus. Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, dass ihr Stresslevel durch Anwendungen wie ChatGPT oder Gemini gesunken ist. Besonders Schüler, die ihre eigenen schulischen Leistungen als schwach einschätzen, scheinen von dieser Entlastung zu profitieren.
Viele nutzen KI, ohne ihre Funktionsweise zu kennen
Die Einstellung der Jugendlichen gegenüber künstlicher Intelligenz ist widersprüchlich. Obwohl drei Viertel eine negative Auswirkung auf die geistigen Fähigkeiten der Gesellschaft befürchten, nutzen sie die Technologie selbst intensiv.
Ein Drittel der Befragten hat sich nach eigenen Angaben noch überhaupt nicht damit beschäftigt, wie KI-Systeme funktionieren, auf welche Datenbanken sie zugreifen oder welche persönlichen Informationen sie sammeln. Vier Prozent erklären sogar, der künstlichen Intelligenz uneingeschränkt zu vertrauen.
Wenig ausgeprägt sind hingegen die Sorgen um die eigene berufliche Zukunft. 13 Prozent sehen durch KI neue berufliche Möglichkeiten. Nur etwa jeder Achte befürchtet, dass der eigene Traumberuf durch künstliche Intelligenz bald verschwinden könnte.
LernQuadrat gibt zehn Tipps für den Umgang mit KI
Für Angela Schmidt, Lerntechnik-Trainerin bei LernQuadrat, bleibt trotz aller technischen Möglichkeiten entscheidend, dass Schüler den Lernstoff selbst beherrschen. KI könne beim Lernen unterstützen, das Wissen müsse bei einer Prüfung aber eigenständig abgerufen und wiedergegeben werden können.
LernQuadrat empfiehlt deshalb einen bewussten Umgang mit den neuen Werkzeugen:
- Erklären statt lösen lassen: KI sollte den Lösungsweg erläutern und nicht einfach die fertige Antwort liefern.
- Das richtige Niveau wählen: Erklärungen sollten dem Alter und Wissensstand entsprechen, beispielsweise auf dem Niveau eines zwölfjährigen Kindes.
- Zuerst selbst nachdenken: Aufgaben zunächst eigenständig lösen und erst bei Schwierigkeiten die KI um Unterstützung bitten.
- Mehrere KI-Systeme vergleichen: Unterschiedliche Anwendungen können unterschiedliche Antworten liefern.
- Das passende Werkzeug auswählen: Nicht jede KI eignet sich gleichermaßen für jede Aufgabe.
- Ergebnisse überprüfen: Informationen, Erklärungen und Rechercheergebnisse müssen kritisch auf ihre Richtigkeit geprüft werden.
- Regeln mit der Schule klären: Vorab sollte feststehen, welche Formen der KI-Nutzung im Unterricht und bei Hausaufgaben erlaubt sind.
- Lernen spielerisch gestalten: KI kann beispielsweise Rätsel, Quizfragen oder Übungstests erstellen.
- Gemeinsam mit den Eltern erkunden: Eltern sollten ihre Kinder bei den ersten Schritten begleiten und auf mögliche Fehler der KI aufmerksam machen.
- Persönliche Daten schützen: Namen, Adressen, Fotos und andere persönliche Informationen gehören nicht unüberlegt in KI-Anwendungen.
Umfrage unter 1.045 Jugendlichen
Die Online-Befragung wurde von LernQuadrat zwischen Juni und Oktober 2026 durchgeführt. Insgesamt nahmen 1.045 Schüler im Alter zwischen 11 und 20 Jahren aus ganz Österreich teil. Befragt wurden Jugendliche aus Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS) und Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS).
Um die Unabhängigkeit der Ergebnisse zu gewährleisten, wurde die Umfrage bewusst nicht unter den eigenen LernQuadrat-Schülern durchgeführt.