Erbprinz Alois und Landtagspräsident Manfred Kaufmann über Sicherheit, Verantwortung, Zusammenhalt und die Zukunft Liechtensteins
Der Staatsfeiertag 2026 hat auf der Schlosswiese zu Füssen von Schloss Vaduz einen ausgesprochen staatspolitischen Auftakt erlebt. Die Ansprachen von S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein und Landtagspräsident Manfred Kaufmann waren keine blossen Festreden. Beide Redner nutzten den Staatsakt für eine grundsätzliche Standortbestimmung des Landes und für einen Blick auf jene Herausforderungen, die Liechtenstein in den kommenden Jahren beschäftigen werden.
Während Erbprinz Alois den Schwerpunkt auf Sicherheit, Bildung, gesellschaftliche Widerstandskraft, die Fähigkeit zur Veränderung und die langfristige Entwicklung der staatlichen Ordnung legte, stellte Landtagspräsident Manfred Kaufmann die Begriffe Heimat, Zusammenhalt, Verantwortung und das Weitergeben von Werten in den Mittelpunkt. Beide Reden trafen sich letztlich in einem Gedanken: Liechtenstein soll seine Identität und seine bewährten Stärken bewahren, ohne sich der notwendigen Weiterentwicklung zu verschliessen.
Der Staatsakt begann um 10.30 Uhr auf der Schlosswiese mit den beiden Ansprachen. Anschliessend spendete der apostolische Administrator Bischof Benno Elbs den Segen über Land und Leute. Musikalische Beiträge und das gemeinsame Singen der Landeshymne bildeten den feierlichen Abschluss des Staatsaktes. Der offizielle Ablauf sah anschliessend einen Apéro auf der Schlosswiese und einen Besichtigungsrundgang im Rosengarten vor.

Erbprinz Alois: Sicherheit als neue staatliche Kernaufgabe
Erbprinz Alois begann seine Ansprache mit einem direkten Rückblick auf seine Worte vom Staatsfeiertag 2025. Damals hatte er angesichts der veränderten Sicherheitslage und der rasanten digitalen Entwicklung eine grundlegende Überarbeitung der Sicherheitspolitik gefordert. 2026 konnte er feststellen, dass die Regierung inzwischen eine neue Sicherheitsstrategie erarbeitet hat.
Damit stellte er zugleich klar, dass die Arbeit damit nicht beendet ist. Vielmehr müsse der eingeschlagene Weg rasch fortgesetzt werden. Der Cyberangriff auf das Verzeichnis der wirtschaftlich berechtigten Personen habe eindrücklich gezeigt, dass digitale Angriffe auf die Infrastruktur des Landes keine abstrakte Gefahr mehr seien.
Besonders weit fasste Alois den Begriff der neuen Bedrohung. Er sprach ausdrücklich von hybrider Kriegsführung und von der Gefahr, dass soziale Medien für gezielte Falschinformationen eingesetzt werden könnten, um eine Bevölkerung zu beeinflussen, zu verunsichern oder zu spalten.
Damit macht die Rede deutlich, dass Sicherheit im 21. Jahrhundert nicht mehr nur eine Frage von Polizei, Militär oder klassischer Infrastruktur ist. Sicherheit betrifft ebenso Daten, digitale Systeme, Information, gesellschaftliche Stabilität und die Fähigkeit einer Bevölkerung, Manipulationsversuche zu erkennen.
Sicherheit ist eine Aufgabe des ganzen Landes
Einer der zentralen Sätze der Rede lautet:
„Sicherheit kann in einem Land wie Liechtenstein nur gelingen, wenn sie von den staatlichen Institutionen, der Wirtschaft und der Bevölkerung gemeinsam getragen wird.“
Darin steckt eine grundlegende politische Botschaft. Sicherheit wird nicht als ausschliessliche Aufgabe des Staates verstanden. Vielmehr müssen staatliche Institutionen, Unternehmen und Bevölkerung gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Alois verbindet damit auch eine Aufforderung zur Beteiligung. Die Sicherheitsstrategie soll im Dialog mit der Bevölkerung weiterentwickelt werden. Der Erbprinz ermuntert die Menschen ausdrücklich, sich in diesen Prozess einzubringen.
Das ist bemerkenswert, weil der Sicherheitsbegriff dadurch demokratisch und gesellschaftlich erweitert wird. Die Bevölkerung soll nicht lediglich geschützt werden, sondern selbst Teil der Sicherheitsarchitektur sein.
Bildung wird zur Frage der nationalen Resilienz
Unmittelbar nach der Sicherheitspolitik kommt Alois auf die Bildung zu. Auch hier setzt er einen ungewöhnlichen Akzent.
Bildung wird nicht primär als Voraussetzung für beruflichen Erfolg oder wirtschaftliches Wachstum beschrieben, sondern als Bestandteil der nationalen Sicherheit.
Nur eine gut ausgebildete Bevölkerung könne die für ein digitales Zeitalter notwendigen Strukturen entwickeln und langfristig erhalten. Gleichzeitig stärke Bildung die gesellschaftliche Widerstandskraft gegenüber den heutigen sicherheitspolitischen Herausforderungen.
Damit verbindet Alois drei Bereiche miteinander: Bildung, digitale Kompetenz und gesellschaftliche Resilienz.
Seine Aussage zur liechtensteinischen Bildungslandschaft ist zugleich deutlich. Er spricht von der Notwendigkeit einer „echten, umfassenden Bildungsreform“, die sowohl den Schulbereich als auch das Gesamtsystem betreffen müsse.
Reform braucht Zeit und Vertrauen
Der Erbprinz verbindet diese Forderung jedoch nicht mit einem Ruf nach möglichst schneller Veränderung. Im Gegenteil.
Eine Bildungsreform brauche „Zeit, Kontinuität und breite Unterstützung“.
Damit ist bereits das zentrale Motiv seiner gesamten Rede angelegt: Veränderung und Kontinuität dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Liechtenstein müsse dort rasch handeln, wo rasches Handeln notwendig sei. Gleichzeitig brauche es bei grundlegenden Veränderungen einen breiten gesellschaftlichen Rückhalt.
Alois plädiert damit für einen Reformbegriff, der nicht auf kurzfristige politische Effekte, sondern auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist.
Das Grundthema: Weiterentwicklung und Kontinuität
Der Erbprinz formuliert die entscheidende Balance ausdrücklich:
„zwischen Weiterentwicklung und Kontinuität, zwischen raschem Handeln, wo notwendig, und breit abgestütztem Vorgehen, wo immer möglich.“
Dieser Satz kann als Schlüssel zur gesamten Rede verstanden werden.
Liechtenstein soll sich verändern, wenn Veränderungen notwendig sind. Gleichzeitig soll das Land nicht jeden gesellschaftlichen oder politischen Trend übernehmen, nur weil er anderswo gerade als modern gilt.
Das ist ein ausgesprochen liechtensteinisches Selbstverständnis: Die eigene Grösse, Staatsform, Geschichte und gesellschaftliche Struktur sollen bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden.
Warum ist Liechtenstein erfolgreich geworden?
Alois stellt daraufhin eine historische Frage:
„Wie ist Liechtenstein eigentlich zu dem geworden, was es heute ist?“
Seine Antwort fällt bemerkenswert aus. Der Erfolg des Landes sei nicht allein durch Wirtschaft, Institutionen oder Verfassung erklärbar. Entscheidend sei auch eine über Jahrhunderte entwickelte politische Haltung.
Liechtenstein sei nie gross genug gewesen, um anderen seinen Willen aufzuzwingen, und nie mächtig genug, um eigene Interessen einfach durchzusetzen.
Stattdessen habe das Land auf andere Stärken gesetzt: Verlässlichkeit, Diplomatie, tragfähige Beziehungen und die Fähigkeit, sich an neue Gegebenheiten anzupassen.
Das ist eine bemerkenswert klare Beschreibung der liechtensteinischen Staatsstrategie.
Die Stärke des Kleinstaates liegt nicht in seiner Macht
Der Satz
„Wir waren nie gross genug, um unseren Willen anderen aufzuzwingen. Wir waren nie mächtig genug, um unsere Interessen einfach durchzusetzen.“
gehört zu den prägnantesten Aussagen der Rede.
Alois beschreibt damit nicht eine Schwäche, sondern eine historische Stärke.
Ein Kleinstaat muss andere Instrumente beherrschen. Er muss verlässlich sein, Beziehungen pflegen, diplomatisch handeln und flexibel bleiben.
Gleichzeitig betont Alois, dass Liechtenstein diese Anpassungsfähigkeit nie mit einem Verlust seiner Identität bezahlt habe. Gerade darin sieht er eine der Voraussetzungen für die erfolgreiche Entwicklung des Landes.
Liechtenstein ist durch viele kleine Schritte gewachsen
Ein weiterer zentraler Satz lautet:
„Unsere Entwicklung war meist das Ergebnis vieler sorgfältiger Schritte.“
Damit wendet sich Alois indirekt gegen die Vorstellung, Fortschritt müsse immer durch grosse politische Umbrüche entstehen.
Liechtenstein habe gelernt, dass nicht jede Frage sofort und endgültig gelöst werden könne und müsse. Entscheidend sei vielmehr, die eigene Handlungsfähigkeit zu erhalten.
Dieser Gedanke verbindet Geschichte und Gegenwart. Auch die heutigen Herausforderungen sollen nicht zwangsläufig mit radikalen Umbrüchen beantwortet werden. Vielmehr müsse das Land die Fähigkeit bewahren, schrittweise und gezielt zu handeln.
Gegen das Denken in zwei Lagern
Besonders aktuell wirkt die Passage, in der Alois die zunehmende Polarisierung politischer Debatten anspricht.
Heute entstehe häufig der Eindruck, jede Frage kenne nur zwei Antworten. Man sei dafür oder dagegen, gehöre zur einen oder zur anderen Seite. Die Wirklichkeit sei jedoch meistens komplexer.
Das ist mehr als eine allgemeine Bemerkung über politische Kultur.
Alois stellt damit ein politisches Prinzip zur Diskussion: Eine demokratische Gesellschaft muss unterschiedliche Perspektiven aushalten können, ohne daraus automatisch einen Konflikt zwischen Gut und Böse zu machen.
Volk, Landtag, Regierung und Fürstenhaus
Im nächsten Schritt beschreibt Alois das staatliche Gefüge Liechtensteins ausdrücklich als Zusammenspiel mehrerer Säulen:
„Der Staat Liechtenstein ruht auf mehreren Säulen: dem Volk, dem Landtag, der Regierung und dem Fürstenhaus.“
Seine zentrale Aussage lautet, dass die Stärke des Landes nicht daraus entstehe, dass eine dieser Stimmen allein entscheidet. Vielmehr entstehe sie daraus, dass mehrere Blickwinkel berücksichtigt werden.
Damit formuliert der Erbprinz zugleich ein Verständnis der liechtensteinischen Staatsordnung, das auf Ausgleich angelegt ist.
Unterschiedliche Institutionen haben unterschiedliche Perspektiven und Verantwortlichkeiten. Gerade aus diesem Zusammenspiel entsteht nach seiner Argumentation Stabilität.
Politische Entscheidungen brauchen einen langen Blick
Alois fordert deshalb einen Perspektivenwechsel.
Wer Verantwortung für das Ganze trägt, müsse fragen, welche langfristigen Folgen eine Entscheidung für den Staat und seine Menschen haben kann. Ebenso müsse man die Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und auf kommende Generationen berücksichtigen.
Eine besonders wichtige Aussage lautet:
„Verantwortungsbewusste Menschen können bei derselben Frage zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen, obwohl sie das gleiche Ziel verfolgen: das Wohl unseres Landes.“
Damit wird politischer Dissens nicht als Zeichen des Scheiterns verstanden.
Unterschiedliche Auffassungen können legitim sein, solange sie von Verantwortungsbewusstsein getragen sind und das Gemeinwohl als gemeinsames Ziel anerkennen.
Fortschritt und Kontinuität sind keine Gegensätze
Der Erbprinz fasst diesen Gedanken historisch zusammen:
„Fortschritt und Kontinuität keine Gegensätze sein müssen.“
Diese Aussage ist zugleich eine Brücke zum politisch überraschendsten Teil seiner Rede.
Denn unmittelbar danach spricht er über eine Entscheidung des Fürstenhauses, die genau dieses Prinzip verkörpert: Eine jahrhundertealte Ordnung wird verändert, ohne die Institution des Fürstenhauses selbst in Frage zu stellen.
Historische Reform im Fürstenhaus
Erbprinz Alois informierte die Bevölkerung über eine Novellierung des Hausgesetzes.
Die Änderung war innerhalb des Fürstenhauses bereits seit Jahrzehnten in Teilen diskutiert worden. Ende des vergangenen Jahres wurde sie konkret angegangen. Am Mittwoch erhielt sie die erforderliche Zweidrittelmehrheit der stimmberechtigten Familienmitglieder.
Der Inhalt ist historisch bedeutsam.
Künftig sollen alle weiblichen Nachkommen des Fürstenhauses in hausgesetzlichen Fragen dieselben Mitwirkungsrechte erhalten wie die männlichen Nachkommen.
Gleichzeitig wird die männliche Primogenitur durch die absolute Primogenitur ersetzt.
Das bedeutet: Künftig ist das erstgeborene Kind unabhängig vom Geschlecht Thronfolgerin oder Thronfolger und später Fürstin oder Fürst von Liechtenstein.
Tradition wird durch die Reform nicht abgeschafft
Die Begründung des Erbprinzen ist entscheidend.
Die Verantwortung für Haus und Land solle künftig dort liegen, wo die beste Vorbereitung für die damit verbundenen Aufgaben gegeben sei. In der Regel sei dies bei den Kindern des regierenden Fürsten oder der regierenden Fürstin der Fall, die in Liechtenstein aufgewachsen sind und früh mit den Besonderheiten des Landes und des Fürstenhauses vertraut gemacht werden.
Damit fügt sich die Hausgesetzreform nahtlos in die vorherige Argumentation ein.
Die Tradition bleibt bestehen, aber eine historische Regel wird an veränderte gesellschaftliche Vorstellungen angepasst.
Gerade deshalb ist diese Ankündigung wohl die bedeutendste konkrete politische und institutionelle Nachricht des diesjährigen Staatsaktes.
Nicht alles übernehmen, was anderswo als modern gilt
Zum Abschluss seiner Rede kehrt Alois nochmals zur Frage zurück, wie Liechtenstein seine Zukunft gestalten soll.
Er betont, dass Liechtenstein, seine Unternehmen und seine Menschen nie einfach übernommen hätten, was anderswo gerade gemacht wurde oder als zeitgemäss galt.
Man habe beobachtet und gelernt, aber sich anschliessend gefragt:
„Was ist wirklich notwendig?“
und:
„Was passt zu unserem Land, zu seiner Staatsform, zu seiner Grösse, zu seiner Identität und zu unserer Gesellschaft?“
Damit endet seine Rede dort, wo sie inhaltlich begonnen hat: bei der Frage nach der Fähigkeit Liechtensteins, sich zu verändern, ohne sich selbst aufzugeben.
Landtagspräsident Kaufmann: Die „Flamme unseres Liechtensteins“
Landtagspräsident Manfred Kaufmann wählte einen deutlich anderen Zugang.
Der Titel seiner Ansprache lautet:
„Die Flamme unseres Liechtensteins.“
Während Alois mit Sicherheitsstrategie, Digitalisierung, Bildung und Staatsordnung argumentiert, arbeitet Kaufmann mit einem grossen Bild.
Die Flamme steht für das Land selbst.
Sie steht für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie steht für das, was Generationen aufgebaut haben und was an die nächste Generation weitergegeben werden soll.
Heimat ist keine Selbstverständlichkeit
Kaufmann beginnt mit dem Blick von der Schlosswiese über Liechtenstein.
Man sehe dort nicht nur Berge, Täler und Dörfer:
„Wir sehen unsere Heimat.“
Diese Heimat sei nicht einfach übernommen worden.
Generationen vor uns hätten sie mit Fleiss, Mut, Verantwortung und Weitsicht zu dem gemacht, was sie heute ist.
Daraus leitet Kaufmann einen zentralen Begriff ab: Dankbarkeit.
Dankbarkeit bedeute für ihn auch, das Bewährte lebendig zu erhalten und an kommende Generationen weiterzugeben.
Der Staatsfeiertag wird damit zu einem Tag der Erinnerung und gleichzeitig zu einem Tag der Zukunftsverantwortung.
Die Flamme wird von Werten genährt
Die Flamme unseres Liechtensteins sei über Generationen gewachsen.
Genährt werde sie von:
Fleiss, Verantwortung, Zusammenhalt, Vertrauen, gegenseitigem Respekt und unternehmerischem Mut.
Diese Aufzählung ist gleichzeitig eine politische und gesellschaftliche Definition dessen, was Kaufmann unter Liechtenstein versteht.
Der Staat wird nicht allein durch Institutionen beschrieben. Seine eigentliche Stärke liegt in den Haltungen und Verhaltensweisen seiner Bevölkerung.
Besonders wichtig ist der Generationengedanke: Jede Generation leistet ihren Beitrag nicht nur für sich selbst, sondern auch für jene, die nach ihr kommen.
Die Höhenfeuer als Symbol des Zusammengehörens
Kaufmann verbindet seine Metapher mit einem sichtbaren Element des Staatsfeiertags.
Die Höhenfeuer auf den Bergen seien ein sichtbares Zeichen dieser Flamme. Ihr Licht erinnere ihn an die Heimat und daran, dass die Menschen zusammengehören.
Damit wird die symbolische Sprache der Rede Teil der tatsächlichen Staatsfeiertagsdramaturgie.
Licht, Feuer, Schloss, Berge und Landeshymne bilden gemeinsam eine Bildsprache des nationalen Zusammenhalts.
Der offizielle Staatsfeiertag sieht auch 2026 die Beleuchtung nach Einbruch der Dunkelheit als einen der Höhepunkte vor.
Sicherheit und Stabilität als kostbares Gut
Auch Kaufmann spricht über Sicherheit.
Er verweist auf eine kürzlich veröffentlichte Bevölkerungsbefragung, nach der sich die grosse Mehrheit der Menschen in Liechtenstein sicher fühlt. Gerade in einer Welt voller Unsicherheiten werde dadurch deutlich, wie wertvoll ein sicheres Land mit stabilen staatlichen Strukturen sei.
Hier trifft sich seine Rede mit jener des Erbprinzen.
Alois spricht über die neuen Gefahren, Kaufmann über den Wert der bestehenden Stabilität.
Beide machen aber deutlich: Sicherheit und Stabilität dürfen nicht als selbstverständlich betrachtet werden.
Demokratie braucht Respekt
Die Flamme steht für Kaufmann auch für das Verbindende.
Sie verbindet Generationen, die elf Gemeinden und die Menschen trotz unterschiedlicher Meinungen.
Dabei verteidigt der Landtagspräsident ausdrücklich den demokratischen Streit:
„Unterschiedliche Meinungen gehören zu einer lebendigen Demokratie.“
Entscheidend sei, wie die Menschen miteinander umgehen:
„einander mit Respekt begegnen, einander zuhören und andere Meinungen gelten lassen.“
Das ist insbesondere aus der Perspektive des Landtagspräsidenten eine wichtige Aussage. Demokratie besteht nicht nur aus Abstimmungen und Mehrheiten. Sie braucht auch eine politische Kultur, in der unterschiedliche Auffassungen nebeneinander bestehen können.
Konservativ und traditionell bedeuten nicht rückwärtsgewandt
Eine der interessantesten Passagen der Kaufmann-Rede beschäftigt sich mit den Begriffen „konservativ“ und „traditionell“.
Kaufmann erinnert daran, dass beide Begriffe heute nicht immer in ihrem ursprünglichen Sinn verstanden würden.
Konservativ gehe auf „conservare“, also „gemeinsam bewahren“, zurück. Tradition gehe auf „tradere“, also „weitergeben“, zurück.
Sein entscheidender Schluss lautet:
„Beides richtet den Blick nicht zurück, sondern letztlich nach vorne.“
Damit entwickelt Kaufmann ein Verständnis von Tradition, das bemerkenswert gut zur Rede des Erbprinzen passt.
Bewahren bedeutet nicht Stillstand.
Weitergeben bedeutet nicht, die Vergangenheit unverändert zu konservieren.
Tradition wird vielmehr zur Verpflichtung gegenüber der Zukunft.
Die konkreten Herausforderungen des Landes
Nach den grundsätzlichen Überlegungen wird Kaufmann sehr konkret.
Er nennt steigende Lebenshaltungskosten und verweist darauf, dass immer mehr Menschen auf Prämienverbilligungen bei der Krankenkasse angewiesen sind. Gerade jene Menschen, die Unterstützung benötigen, dürften nicht aus den Augen verloren werden.
Als zweite grosse Aufgabe nennt er die langfristige Sicherung der AHV. Hier brauche es Entscheidungen, die sowohl der heutigen als auch der kommenden Generation gerecht werden.
Auch die Verkehrsinfrastruktur beschäftigt den Landtagspräsidenten. Zu den Stosszeiten komme sie zunehmend an ihre Grenzen. Gleichzeitig müsse eine gute Erreichbarkeit als wichtiger Standortvorteil erhalten bleiben.
Die Rede bleibt damit nicht bei patriotischen Allgemeinplätzen. Sie nennt konkrete politische Baustellen.
KI, Cybersicherheit und Fristenlösung
Besonders aktuell ist Kaufmanns Blick auf den technologischen Wandel.
Künstliche Intelligenz werde Alltag und Arbeitswelt verändern. Entscheidend sei, ihre Chancen zu nutzen und gleichzeitig verantwortungsvoll mit ihr umzugehen.
Sein Satz dazu ist prägnant:
„Sie soll den Menschen unterstützen und ihn nicht ersetzen.“
Auch der Cyberangriff auf das Verzeichnis der wirtschaftlich berechtigten Personen wird erneut thematisiert. Kaufmann würdigt die rasche Reaktion der zuständigen Stellen und die Information der Öffentlichkeit durch die Regierung. Gleichzeitig fordert er eine umfassende Aufarbeitung, stärkere digitale Sicherheit und einen bestmöglichen Schutz persönlicher Daten.
Schliesslich spricht er die Initiative zur Fristenlösung an.
Gerade bei einem Thema mit unterschiedlichen persönlichen und gesellschaftlichen Sichtweisen sei es wichtig, respektvoll miteinander umzugehen. Das gelte sowohl für die Behandlung im Landtag als auch für eine allfällige Volksabstimmung.
Auch hier zeigt sich wieder das zentrale Motiv seiner Rede: politische Unterschiede dürfen den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zerstören.
Die Grösse Liechtensteins liegt in seinen Menschen
Nach der Aufzählung der konkreten Herausforderungen formuliert Kaufmann sein grosses gemeinsames Ziel:
„wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben, unseren Zusammenhalt zu bewahren und unsere Heimat auch für kommende Generationen lebenswert zu erhalten.“
Gerade als kleiner Staat mit kurzen Wegen könne Liechtenstein rasch und pragmatisch handeln. Kaufmann plädiert für Augenmass und warnt indirekt vor einer Überregulierung des Landes. Nicht jeder Sachverhalt brauche eine detaillierte Regelung.
Am Ende richtet sich sein Blick auf die Menschen, die im Alltag Verantwortung übernehmen.
Sein vielleicht stärkster Satz lautet:
„Die Grösse eines Landes misst sich nicht an seiner Fläche, sondern an den Werten, die seine Menschen leben.“
Damit wird aus der „Flamme unseres Liechtensteins“ eine gesellschaftliche Metapher.
Die Flamme brennt nicht wegen der Institutionen allein.
Sie brennt, weil Menschen Verantwortung übernehmen.
Kaufmann nennt ausdrücklich Familien, Unternehmen, Bildungs- und Gesundheitswesen, Vereine, Ehrenamt und Bevölkerungsschutz. Dort werde oft still und selbstverständlich Grosses geleistet.
Zum Schluss greift er einen Satz des von ihm persönlich verehrten heiligen Antonius auf:
„Die Worte sollen lehren, die Taten sollen sprechen.“
Damit findet die Rede einen konsequenten Abschluss.
Die Flamme soll weitergetragen werden, damit sie auch für kommende Generationen hell leuchtet, als Zeichen von Heimat, Zusammenhalt und Zuversicht.
Zwei Reden, ein Staatsverständnis und ein würdiger Staatsakt
Die beiden Reden sind in ihrer Sprache deutlich verschieden, aber in ihrer politischen Grundrichtung erstaunlich nahe beieinander.
Erbprinz Alois spricht stärker aus der Perspektive der langfristigen staatlichen Verantwortung. Seine Themen sind Sicherheitsstrategie, Cyberbedrohungen, hybride Kriegsführung, Bildung, gesellschaftliche Resilienz, das Zusammenspiel der staatlichen Institutionen und die Zukunft des Fürstenhauses. Seine zentrale Frage lautet: Wie kann Liechtenstein sich verändern, ohne seine Identität und seine Handlungsfähigkeit zu verlieren?
Manfred Kaufmann spricht stärker aus der Perspektive des Parlaments und der Gesellschaft. Seine Themen sind Heimat, Zusammenhalt, soziale Sicherheit, AHV, Verkehr, künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, demokratische Streitkultur und das Engagement der Menschen. Seine zentrale Frage lautet: Wie kann Liechtenstein bewahren, was seine Gesellschaft stark gemacht hat, und diese Werte an die nächste Generation weitergeben?
Die beiden Perspektiven ergänzen sich.
Alois spricht von Kontinuität und Erneuerung.
Kaufmann spricht von Bewahren und Weitergeben.
Alois erinnert daran, dass Liechtenstein nie durch Grösse und Macht erfolgreich war, sondern durch Verlässlichkeit, Diplomatie, Anpassungsfähigkeit und sorgfältige Entscheidungen.
Kaufmann erinnert daran, dass die Grösse eines Landes nicht an seiner Fläche gemessen werden könne, sondern an den Werten seiner Menschen.
Damit erzählen beide Reden letztlich dieselbe Geschichte: Liechtenstein ist klein, aber nicht klein im Anspruch. Seine Stärke liegt nicht darin, dass es von Veränderungen verschont bleibt, sondern darin, dass es Veränderungen mit einer eigenen Vorstellung davon begegnen kann, was bewahrt werden soll.
Besonders eindrucksvoll war deshalb auch die Dramaturgie des anschliessenden Staatsaktes. Nach den politischen Worten folgte die Segnung von Land und Leuten durch Bischof Benno Elbs. Die musikalischen Beiträge führten in den gemeinsamen Abschluss mit der Landeshymne. Der offizielle Ablauf sieht genau diese Verbindung von politischer Rede, religiösem Segen und gemeinsamem Singen vor.
Die Landeshymne wurde dabei zum emotionalen Höhepunkt. Nach den vielen gesprochenen Worten über Heimat, Identität, Zusammenhalt und Verantwortung wurde aus dem politischen Begriff „Wir“ ein gemeinsames Erlebnis. Dass die Hymne bei vielen Anwesenden für Gänsehautmomente sorgte, passte deshalb geradezu ideal zur Dramaturgie dieses Staatsaktes.
Auch die Organisation des Staatsaktes verdient Anerkennung. Der Ablauf wirkte geschlossen, würdig und professionell. Politische Botschaft, historische Erinnerung, religiöse Dimension, Musik und gemeinsames Singen griffen ineinander. Der Staatsakt blieb damit nicht bei einer Aneinanderreihung offizieller Programmpunkte, sondern entwickelte eine erkennbare Dramaturgie.
Danach verlagerte sich das Geschehen vom staatspolitischen Rahmen auf der Schlosswiese in das Vaduzer Städtle. Ab Mittag steht dort das grosse Volksfest mit Musik, Unterhaltung und verschiedenen Angeboten im Mittelpunkt. Der offizielle Staatsfeiertag geht damit von der konzentrierten Feier des Staates in die offene Feier der Bevölkerung über.
Ein Wermutstropfen bleibt das abgesagte traditionelle Feuerwerk. Aufgrund der anhaltenden Hitze und des geltenden absoluten Feuerverbots im Freien musste darauf in diesem Jahr verzichtet werden.
Eine eigentliche Licht- oder Drohnenshow als Ersatz ist nicht vorgesehen. Der offizielle Abend setzt stattdessen auf die traditionelle Beleuchtung: Gegen 21.15 Uhr werden Bergbeleuchtung und Krone auf Tuass entzündet, gefolgt vom Lichterzug über den Fürstensteig.
Das passt wiederum erstaunlich gut zum Leitmotiv von Kaufmanns Rede. Denn wenn das grosse Feuerwerk fehlt, bleibt die eigentliche „Flamme unseres Liechtensteins“ als Symbol umso stärker sichtbar.
Und genau darin liegt vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Staatsfeiertags 2026:
Liechtenstein muss nicht alles neu erfinden, um modern zu bleiben. Es muss aber bereit sein, dort zu verändern, wo Veränderung notwendig ist. Sicherheitspolitik, Bildung, Digitalisierung, soziale Sicherung, Infrastruktur und die Weiterentwicklung staatlicher Institutionen gehören dazu.
Gleichzeitig braucht ein Land etwas, das sich nicht per Gesetz verordnen lässt: Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein, Respekt und den Willen, trotz unterschiedlicher Meinungen zusammenzuhalten.
Die Worte des Erbprinzen und des Landtagspräsidenten haben diesen Gedanken aus zwei unterschiedlichen Richtungen formuliert.
Alois sagt sinngemäss: Bewahren wir unsere Identität, indem wir handlungsfähig bleiben.
Kaufmann sagt: Bewahren wir unsere Werte, indem wir sie weitergeben.
Auf der Schlosswiese wurden daraus zwei Reden, die weit über einen Festtagsgruss hinausgingen. Sie waren eine politische und gesellschaftliche Standortbestimmung eines Kleinstaates, der seine Zukunft nicht durch Grösse, sondern durch Stabilität, Anpassungsfähigkeit und Zusammenhalt gestalten will.
Der Staatsakt endete mit dem gemeinsamen Blick auf das Land und der Landeshymne. Danach begann im Städtle das grosse Volksfest, das bis in die Nacht hinein weitergeht. So verbindet der Staatsfeiertag auch 2026 beides: die ernste Frage, wie Liechtenstein seine Zukunft gestaltet, und die unmittelbare Freude darüber, heute gemeinsam dieses Land feiern zu können.
Factbox Staatsfeiertag 2026
Datum: Samstag, 15. August 2026
Staatsakt: Schlosswiese zu Füssen von Schloss Vaduz
Beginn: 10.30 Uhr
Redner: S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein und Landtagspräsident Manfred Kaufmann
Segnung: Bischof Benno Elbs
Musikalische Umrahmung: Gesangsverein Kirchenchor Bendern Gamprin und Musikverein Konkordia Gamprin
Erbprinz Alois: Sicherheitspolitik, Cyberangriffe, hybride Bedrohungen, Bildung, Bildungsreform, gesellschaftliche Resilienz, Kontinuität und Erneuerung, Staatsordnung sowie Reform des Hausgesetzes
Historische Neuerung im Fürstenhaus: Absolute Primogenitur. Das erstgeborene Kind soll künftig unabhängig vom Geschlecht Thronfolger beziehungsweise Thronfolgerin werden. Weibliche Nachkommen erhalten bei hausgesetzlichen Fragen dieselben Mitwirkungsrechte wie männliche Nachkommen.
Manfred Kaufmann: Heimat, Flamme, Zusammenhalt, Sicherheit, Lebenshaltungskosten, AHV, Verkehr, Bildung, künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Fristenlösung und gesellschaftliche Verantwortung
Leitmotiv Kaufmann: „Die Flamme unseres Liechtensteins“
Stärkster Satz Kaufmanns: „Die Grösse eines Landes misst sich nicht an seiner Fläche, sondern an den Werten, die seine Menschen leben.“
Zentrales Motiv Alois: Balance zwischen Weiterentwicklung und Kontinuität
Landeshymne: Gemeinsamer Abschluss des Staatsaktes
Volksfest: Ab Mittag im Vaduzer Städtle mit Musik, Unterhaltung und verschiedenen Angeboten
Feuerwerk: 2026 abgesagt
Grund: Anhaltende Hitze und absolutes Feuerverbot im Freien
Abendliche Alternative: Bergbeleuchtung und Krone auf Tuass sowie Lichterzug über den Fürstensteig
Übergreifende Botschaft des Staatsaktes: Liechtenstein soll seine Identität, seine Stabilität und seinen gesellschaftlichen Zusammenhalt bewahren und zugleich bereit sein, notwendige Veränderungen mit Augenmass und langfristiger Verantwortung umzusetzen.