Surena Ettefagh – ein Leben zwischen Persien, Flucht und Hoffnung

Dr. Surena Ettefagh in seiner Kanzlei in Frastanz. Foto: Bandi Koeck

Dr. Surena Ettefagh ist ein Mann, in dessen Biografie sich ein halbes Jahrhundert iranischer und europäischer Geschichte verdichtet. Geboren 1969 in Teheran im Iran, aufgewachsen noch unter dem Shah, geprägt von einer Kindheit in Teheran, die er als Zeit von Wohlstand, Offenheit und kultureller Vielfalt beschreibt, wurde sein Leben 1979 durch die islamische Revolution radikal verändert. Heute lebt der verheiratete Vater von drei Kindern in Frastanz in Vorarlberg, ist stolzer österreichischer Staatsbürger und zugleich jemand, der seine persischen Wurzeln nie abgestreift hat. Vielmehr trägt er sie mit Stolz – als Erinnerung, als Herkunft und als Auftrag.

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Kulturelle Koexistenz

Bei Surena Ettefagh beginnt Identität nicht erst bei der Flucht, sondern viel früher: in der Familiengeschichte. Er erzählt von seinem Großvater, einem Zarathustraner, der mit einem jüdischen Geschäftspartner eng verbunden war. Beide Familien führten demnach gemeinsam eine Firma mit dem Namen „Ettefagh“, was auf arabisch so viel wie Allianz oder Bündnis bedeutet – und genau dieses Wort wurde schließlich zum Familiennamen. In dieser einen Anekdote verdichtet sich bereits viel von dem, was Ettefagh als das eigentliche Wesen des alten Iran beschreibt: Das Miteinander verschiedener Religionen, die Selbstverständlichkeit von Nachbarschaft zwischen Juden, Christen, Muslimen und Zarathustranern und eine Kultur, die nicht auf Abgrenzung, sondern auf Koexistenz beruhte.

Freies Land in Blüte

Wenn Ettefagh von seiner Kindheit spricht, klingt das nicht nach nostalgischer Verklärung, sondern nach einer verlorenen Welt. Er schildert den Iran seiner frühen Jahre als aufstrebendes, modernes Land, als Gesellschaft mit Religionsfreiheit, mit relativer Gleichstellung von Mann und Frau, mit Aufstiegschancen, Bildung und einem starken Blick in die Zukunft. Seine Mutter arbeitete im Landwirtschaftsministerium, er selbst war als Kind in einer Kindertagesstätte untergebracht, die Familie lebte in Teheran in einem urbanen und offenen Umfeld. Besonders eindrücklich ist seine Erinnerung, dass seine Mutter im Minirock zur Arbeit ging und dass er nach seiner Ankunft in Österreich zunächst mehr Kopftücher sah als zuvor in Teheran. Solche Bilder machen deutlich, wie fundamental der Bruch von 1979 in seiner Wahrnehmung gewesen sein muss.

Zivilisation mit viel Geschichte

Ettefagh beschreibt den Iran vor der Revolution nicht bloß als politisches System, sondern als Zivilisation mit einem tiefen historischen Bewusstsein. Immer wieder verweist er auf die lange Kontinuität persischer Kultur, auf Kyros den Großen, auf religiöse Toleranz, auf den Schutz von Minderheiten und auf den Vielvölkercharakter des Landes. Der Iran, so seine Sicht, sei nie nur islamisch gewesen, sondern immer auch persisch, vielsprachig, vielreligiös, kulturell komplex. Gerade deshalb empfindet er das heutige Regime offenbar nicht nur als politische Unterdrückung, sondern als Entfremdung vom eigentlichen Wesen des Landes. In seinen Worten klingt durch, dass die Islamische Republik für ihn nicht die Vollendung iranischer Geschichte ist, sondern deren dramatische Unterbrechung.

Pass mit Löwe und Sonne

Die Zäsur kam, als Surena Ettefagh zehn Jahre alt war. 1979, im Jahr der Revolution, verließ seine Familie das Land und floh nach Österreich. Seine Schwester war noch im Iran zur Welt gekommen; kurz darauf ging es über Wien weiter nach Vorarlberg, wo die Familie schließlich sesshaft wurde. Dass ausgerechnet das ruhige Vorarlberg zum neuen Lebensmittelpunkt wurde, erscheint fast symbolisch: Nach Revolutionschaos, Unsicherheit und erzwungenem Aufbruch stand am Ende ein Ort der Stabilität. Ettefagh sagt im Gespräch, dass er die österreichische Staatsbürgerschaft mit Stolz trägt. Gleichzeitig bewahrt er seinen alten iranischen Pass mit Löwe und Sonne an einem besonderen Ort auf – als Zeichen dafür, dass Exil zwar die Heimat ersetzen kann, aber nie die Herkunft auslöscht.

Verlorenes Zuhause

Gerade dieser doppelte Blick macht Ettefagh zu einer interessanten Stimme: Er spricht als Jurist und als Exilösterreicher, aber immer auch als jemand, der den Iran nicht als abstraktes Nachrichtenobjekt, sondern als verlorenes Zuhause versteht. In seiner Erzählung ist die islamische Revolution nicht nur ein Regimewechsel, sondern eine Tragödie für ein ganzes Land. Aus einem Staat, den er als offen, modern und hoffnungsvoll beschreibt, sei binnen kurzer Zeit eine religiös-ideologische Diktatur geworden. Diese Diktatur, so seine Perspektive, habe nicht nur Freiheitsrechte zerstört, sondern auch das kulturelle Gedächtnis des Iran überlagert. Die Gewalt gegen Frauen, gegen Andersdenkende, gegen religiöse Minderheiten und Oppositionelle ist für ihn daher nicht bloß Gegenwartspolitik, sondern Ausdruck eines Systems, das den Menschen ihre Würde und dem Land seine Seele genommen habe.

Hoffnung ohne Zwang und Terror

Besonders eindringlich wird Ettefagh dort, wo er über die Proteste im Iran spricht. Er zeichnet das Bild einer Bevölkerung, die immer wieder aufsteht, obwohl sie weiß, dass Repression, Folter und Tod drohen. Sein Respekt gilt insbesondere den Frauen, die für Freiheit und Selbstbestimmung auf die Straße gegangen sind. In seinen Schilderungen wird deutlich, dass der Kampf iranischer Frauen für ihn die moralische Mitte des iranischen Widerstands ist. Nicht zufällig verbindet sich darin seine Erinnerung an den freieren Iran seiner Kindheit mit der Hoffnung auf einen künftigen Iran ohne Zwang, Terror und religiöse Herrschaft.

Iranisch-Israelische Freundschaft

Ein zentraler Teil seines politischen Denkens ist die Unterscheidung zwischen dem iranischen Volk und dem Regime. Surena Ettefagh besteht darauf, dass man den Iran nicht mit den Machthabern in Teheran gleichsetzen dürfe. Diese Differenz führt auch zu seinem Blick auf Israel. Nach seiner Darstellung reicht die Verbindung zwischen Persern und Juden beziehungsweise zwischen Iranern und Israelis weit zurück. Er spricht von einer mehr als zweieinhalbtausendjährigen Freundschaft und verweist auf historische Erinnerungen, in denen Persien als Schutzmacht und Ort religiöser Koexistenz erscheint. In seiner Deutung ist diese Beziehung kein taktisches Bündnis der Moderne, sondern Teil einer tieferen historischen Erfahrung.

Wichtig ist dabei: Ettefagh formuliert das ausdrücklich als Sicht vieler Iraner und als Hoffnung im Widerstand gegen das Regime. Seine Aussagen gehen sehr weit; er sagt, viele Menschen im Iran hätten auf Hilfe Israels gehofft und empfänden Dankbarkeit. Diese Passage lässt sich als markante politische Selbstverortung lesen – als Stimme eines Exiliraners, der Israel nicht als Feindbild, sondern als möglichen Verbündeten gegen die Islamische Republik betrachtet. Seriös formuliert bedeutet das: Für Surena Ettefagh verkörpert Israel nicht den Gegner des Iran, sondern den historischen Freund eines unterdrückten Volkes.

Teheran der Miniröcke

Gerade darin liegt die Spannung seiner Person. Surena Ettefagh ist kein distanzierter Analyst, sondern ein Mann mit biografischer Wunde und klarer Haltung. Seine Erzählung lebt von Bildern: Vom Großvater mit jüdischem Partner, vom Teheran der Miniröcke, vom Pass mit Löwe und Sonne, von der Flucht eines Zehnjährigen, vom stillen Neubeginn in Vorarlberg, vom alten Persien als Erinnerungsraum und vom heutigen Iran als Land, das seiner Ansicht nach auf Befreiung wartet. Er erscheint als jemand, der nicht nur über Geschichte spricht, sondern sie in sich trägt.

Zeitzeuge zweier Welten

Das macht ihn zu einer Figur, die weit über eine lokale Biografie hinausweist. In Frastanz lebt heute kein bloßer Zuwanderer mit bewegter Vergangenheit, sondern ein Zeitzeuge zweier Welten: des vorrevolutionären Iran und des europäischen Exils. Er steht für eine Erfahrung, die im Westen oft unterschätzt wird – dass viele Iraner ihre Heimat nicht mit der Islamischen Republik identifizieren, sondern mit einer älteren, tieferen, pluraleren persischen Tradition. Wer Surena Ettefagh zuhört, hört deshalb auch die Klage über ein geraubtes Land und zugleich den ungebrochenen Willen, dessen eigentliche Identität nicht dem Vergessen preiszugeben.

Ein Brückenmensch

Sein Leben in Vorarlberg, seine Familie, seine juristische Tätigkeit und seine öffentliche Stimme fügen sich so zu einem Porträt von großer Dichte: Surena Ettefagh ist ein Brückenmensch. Einer, der zwischen Iran und Österreich, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Erinnerung und politischer Hoffnung lebt. Einer, der den Sturz in die Diktatur als Kind erlebt hat und bis heute davon geprägt ist. Und einer, der überzeugt ist, dass das wahre Persien nicht im Fanatismus, sondern in Freiheit, Würde, kultureller Größe und historischer Verbundenheit mit anderen Völkern zu finden ist.

Factbox: Surena Ettefagh

Name: Dr. Surena Ettefagh
Geboren: 1969 in Teheran/Iran
Familienstand: verheiratet
Kinder: Vater von drei Kindern
Wohnort: Frastanz, Vorarlberg
Beruflicher Hintergrund: Jurist/Anwalt
Flucht: 1979 im Zuge der islamischen Revolution mit seiner Familie nach Österreich geflohen
Prägende Kindheitserfahrung: Aufgewachsen im Iran unter dem Shah, den er als vergleichsweise offenen, modernen und kulturell vielfältigen Staat beschreibt.
Familiäre Wurzeln: Großvater war Zarathustraner; enge familiäre Verbindung zu einer jüdischen Partnerfamilie, aus deren gemeinsamer Firma auch der Familienname hervorging.
Identität: österreichischer Staatsbürger mit starker persischer Selbstverortung; bewahrt den alten iranischen Pass mit Löwe und Sonne als Symbol seiner Herkunft.
Sicht auf das heutige Regime: scharfe Ablehnung der Islamischen Republik; klare Trennung zwischen iranischem Volk und Regime.
Sicht auf Israel: Ettefagh betont eine jahrtausendealte historische Verbundenheit zwischen Persern und Juden bzw. Israelis und schildert große Dankbarkeit vieler regimekritischer Iraner gegenüber Israel als Hoffnungsträger gegen die Diktatur.

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