Nina Wehrle legt mit Schluss. Aus. Basta! ein Bilderbuch vor, das von Anfang an auf Tempo, Krach und Kante setzt – und dabei erstaunlich präzise beobachtet, wie Kinder streiten, drohen, übertreiben und sich in ein „Entweder-oder“ hineinsteigern. Das Buch erschien am 11. März 2026 bei NordSüd, als großformatiges Hardcover mit drei Sonderfarben, 64 Seiten und einer Altersempfehlung ab 4 Jahren.
Inhalt: Streit als Spielmotor
Die Ausgangslage ist herrlich unmittelbar: Drei Hunde und ein Eichhorn geraten im Wald aneinander, und schon steht eine derbe Drohung im Raum: „Entweder du kommst jetzt runter, oder wir kacken unter deinen Baum!“ Daraus entwickelt sich ein rotzfreches Hin und Her, ein lautes, eskalierendes Spiel aus Ansagen, Gegenansagen und immer neuen Steigerungen – mit dem Versprechen, dass beim Umblättern ständig etwas Unerwartetes passiert und „kein Stein auf dem anderen“ bleibt.
Was auf den ersten Blick wie Krawallhumor wirkt, ist (im Kern) ein sehr bekanntes kindliches Muster: Konflikt wird nicht nur ausgetragen, sondern auch inszeniert. Drohen, übertreiben, Regeln verschieben, Grenzen testen – und das alles mit einer Energie, die eher nach Toben als nach Bosheit aussieht. Genau hier liegt die Stärke der Anlage: Das Buch nimmt Streit nicht moralisierend auseinander, sondern zeigt ihn als Dynamik, die kippen kann, aber zunächst einmal hochgradig spielerisch ist.

Sprache und Sound: laut lesen ist Programm
NordSüd beschreibt das Buch als „Erlebnis für alle Sinne“: Es „bellt, es furzt, es knallt“ und müsse besonders laut vorgelesen werden. Damit ist der Ton gesetzt: Onomatopoesie, kurze Attacken-Sätze, starke Wiederholungen und ein Rhythmus, der nach Performance verlangt. Für Vorlesesituationen ist das eine Steilvorlage – wenn man Lust auf Theater hat. Das Buch dürfte in Gruppen (Kita, Bibliothek, Familie) besonders gut funktionieren, weil es den Raum akustisch „bespielt“ und Kinder sehr direkt in eine Sprech- und Mitmachhaltung bringt.
Gleichzeitig gilt: Der Witz arbeitet deutlich mit Fäkalhumor und Krawallkomik. Das ist für viele Vier- bis Sechsjährige ein Volltreffer – kann aber je nach Umfeld auch anecken. Wer Bilderbücher bevorzugt, die Konflikte leise und „sozialpädagogisch glatt“ erzählen, wird hier eher Widerstand spüren.
Illustration und Gestaltung: grafische Wucht statt Kuschelästhetik
Schon die Verlagsankündigung betont Wehrles „starke grafische Bildsprache“ und das hohe Tempo. Das ungewöhnliche, schmale Hochformat (13,5 × 32 cm) unterstützt diesen Eindruck: Es wirkt wie eine Bühne für vertikale Bewegungen, für Auf- und Abgänge, für plötzliche Pointen im Seitenwechsel.
Die Entscheidung für Sonderfarben deutet zudem auf ein bewusst reduziertes, plakatives Farbkonzept hin, das Kontraste und Signalwirkung stärker gewichtet als naturalistische Waldromantik. Das passt zur Grundidee: Hier wird nicht „nett“ erzählt, sondern zugespitzt.
Themen: Konfliktkompetenz ohne Zeigefinger
Unter der frechen Oberfläche lassen sich mehrere Themen erkennen:
- Macht und Status: Wer bestimmt die Regeln? Wer gibt nach? Wer legt nach?
- Eskalationslogik: Jede Antwort will die vorherige überbieten – ein Muster, das Kinder aus eigenem Erleben kennen.
- Grenzen und Tabus: Derbe Sprache und Körperhumor sind nicht Selbstzweck, sondern Teil des Grenztestens.
Pädagogisch interessant ist, dass das Buch offenbar nicht mit einem einfachen „So macht man das nicht“ endet, sondern den Mechanismus sichtbar macht. Damit eignet es sich gut als Gesprächsanlass: Was war nur Spaß? Wann wird es gemein? Wie kommt man aus dem „Basta“-Modus wieder heraus?
Für wen ist das Buch (und für wen nicht)?
Empfohlen ab 4 Jahren – das wirkt plausibel, weil Kinder in diesem Alter Lust an Übertreibung, Lautmalerei und Tabubrüchen haben und gleichzeitig beginnen, Konflikte als Rollen- und Sprachspiel zu nutzen.
Weniger geeignet ist das Buch für Situationen, in denen Erwachsene unbedingt „gutes Benehmen“ modellieren wollen, ohne anschließend einordnend darüber zu sprechen. Denn Kinder übernehmen knackige Drohsätze gern in ihr Repertoire – nicht als Anleitung, sondern als Zitat. Wer damit entspannt umgehen kann, gewinnt ein sehr wirksames Vorlesebuch; wer nicht, wird sich daran reiben.
Stärken
- Hoher Vorlesespaß durch Rhythmus, Krach und klare Pointen.
- Konflikte werden ernst genommen, ohne moralische Predigt.
- Markante Gestaltung (Sonderfarben, Format), die zur Energie des Textes passt.
Mögliche Schwächen
- Derbe Komik ist Geschmackssache und nicht überall willkommen.
- Wer eine klassische „Versöhnungsdramaturgie“ erwartet, könnte das als zu anarchisch empfinden (zumindest legt der Klappentext genau diese Anarchie nahe).
Fazit
Schluss. Aus. Basta! ist ein Bilderbuch mit Wumms: laut, frech, grafisch selbstbewusst – und gerade deshalb nah an der Lebenswelt vieler Kinder. Es macht Streit nicht hübsch, aber lesbar; es macht Krach nicht peinlich, sondern spielbar. Wer ein Buch sucht, das in der Vorlesesituation Energie freisetzt und danach Gesprächsstoff liefert, dürfte hier sehr gut bedient sein. Wer dagegen Harmonie, Sanftheit und „gute Vorbildsätze“ erwartet, sollte vorher wissen: Dieses Buch will bellen, knallen – und sehr deutlich „Basta!“ sagen.













