Mit der Installation „Vergläserung“ setzt der in Hamburg lebende Künstler Michael Hirschbichler in der Johanniterkirche Feldkirch einen ebenso radikalen wie poetischen Eingriff. Erde, Sand und Steine aus dem Boden des sakralen Raums wurden ausgegraben, geschmolzen und in eine hängende Skulptur aus Glas transformiert. Die Ausstellung ist bis 25. April 2026 zu sehen.
Ein offener Raum als Ausgangspunkt
Im Zentrum von Hirschbichlers Arbeit steht der Zusammenhang von Raum und Weltauffassung. Sakrale Architektur versteht er nicht nur als bauliche Struktur, sondern als Ausdruck geistiger Ordnungen. Die Johanniterkirche präsentiert sich derzeit in einem Zustand, der ihre historischen Schichten offenlegt: Der Boden ist stellenweise freigelegt, unterschiedliche Bau- und Nutzungsepochen werden sichtbar. Der Raum wirkt roh, unverstellt, beinahe entblößt.
Gerade diese Offenheit machte die Kirche für Hirschbichler interessant. Die sichtbaren Zeitschichten und der nach oben auf Licht und Transzendenz ausgerichtete Kirchenraum bilden für ihn ein Spannungsfeld zwischen Geschichte und metaphysischem Anspruch.
Vom Bodenmaterial zum Glasobjekt
Um eine direkte Beziehung zum Ort herzustellen, griff der Künstler buchstäblich in dessen Substanz ein: Teile des Kirchenbodens wurden entnommen und in einer bayerischen Glashütte eingeschmolzen. Der Erdboden – historisches, liturgisches und geologisches Material zugleich – durchlief einen physikalischen Transformationsprozess.
Dabei wurde bewusst auf perfekte, kontrollierte Formen verzichtet. Statt makelloser Glasobjekte entstanden deformierte, instabile, teils fragmentarische Körper. Spuren von Verbrennung, Verformung und Erstarrung bleiben sichtbar. Der Prozess selbst wird Teil des künstlerischen Ausdrucks.
Die hängende Skulptur schwebt im Raum der Kirche und verbindet das Irdische mit dem Lichten. Was zuvor Boden war, wird nun transparent, lichtdurchlässig und fragil. Die materielle Umwandlung verweist zugleich auf tiefere zeitliche Dimensionen.
Glas zwischen Liturgie und Kosmos
Glas besitzt in der Kirchengeschichte eine lange Tradition – als Träger von Licht, Bild und Erzählung. Kirchenfenster formen das einfallende Licht und prägen die spirituelle Atmosphäre. Zugleich ist Glas kein ausschließlich menschengemachtes Material. Es entsteht auch in natürlichen Extremsituationen: bei Vulkanausbrüchen, Blitzeinschlägen oder Meteoriteneinschlägen – selbst auf dem Mond oder anderen Planeten.
Hirschbichler nutzt diese Doppelbedeutung. Während das Ausgraben des Bodens in die historische Tiefe des konkreten Ortes führt, verweist das Schmelzen auf physikalische Bedingungen, wie sie auch in kosmischen Szenarien vorkommen. Die Installation verbindet damit archäologische Spurensuche mit kosmologischer Perspektive.
Das Werk stellt Fragen nach Zeitlichkeit, Wandelbarkeit und Fragilität. Es verknüpft geologische Prozesse mit religiöser Symbolik und verschiebt den Blick vom lokalen Kirchenraum in einen universellen Zusammenhang.
Künstler zwischen Kunst, Architektur und Forschung
Michael Hirschbichler studierte Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, Architektur an der ETH Zürich und promovierte an der Universität der Künste Berlin zum Thema „Mythische Konstruktionen“. Seine Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Kunst und Architektur.
Er war künstlerischer Forscher unter anderem an der TU Delft, am Goldsmiths College in London und an der Aarhus University. Lehrtätigkeiten führten ihn an die ETH Zürich und an die Akademie der Bildenden Künste Wien. Seine Werke wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt; Stipendien führten ihn unter anderem nach Rom, Paris, Baku und Kyoto MichaelHirschbichlerPresse.
Seit 2025 ist Hirschbichler Professor für Experimentelles Gestalten an der HCU Hamburg und Gründer des „Center for Spatial Cosmology“.
Ausstellung und Termine
Die Vernissage findet am Freitag, 27. Februar, um 20 Uhr statt. Es sprechen Kurator Arno Egger und der Musiker sowie künstlerische Leiter von „Musik in der Pforte“, Klaus Christa.
Die Ausstellung läuft von 28. Februar bis 25. April 2026.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 10 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 14 Uhr MichaelHirschbichlerPresse.
Mit „Vergläserung“ gelingt der Johanniterkirche Feldkirch einmal mehr eine Ausstellung, die zeitgenössische Kunst in einen intensiven Dialog mit einem historischen Raum setzt – und den Blick von Vorarlberg bis in kosmische Dimensionen öffnet.
