Blicken wir aus dem Fenster der Europäischen Union, sehen wir Kriegsminister, die ein angebliches Drogenbot bombardieren und dann die noch überlebenden Schiffbrüchigen erschießen lassen.
Von Dr. Albert Wittwer
Ein mit einem Angriffskrieg überzogenes Nachbarland, von dem erwartet wird, dass es Frieden herbeiführt, indem es sich selber aufgibt. Einen kleinstaatlichen Premier, der verlangt, dass er begnadigt wird, ohne dass er irgendeine Schuld eingesteht, noch weniger schon gerichtlich verurteilt wäre. Usw. usf.
Der marktwirtschaftliche Liberalismus schafft es nicht, die lebensnotwendigen Güter und Dienstleistungen gerecht zu verteilen. Ohne Überfluss und Vergeudung schwächelt die Wirtschaft. Die Armut, die sonst existenzgefährdend wäre, stagniert dank der Staatshilfe, während der Reichtum wächst.
Ilona Otto hat darauf hingewiesen, dass es auch in der noch funktionierenden Demokratie keiner Mehrheit in der Bevölkerung bedarf, sondern eine deutlich kleinere Gruppe genügt, um den Kipppunkt herbeizuführen. Sie verwendet den Begriff, der in der modernen Philosophie und Umweltwissenschaft für den „Point of no return“ verwendet wird, an welchem die Natur, die uns ernährt, unrettbar zusammenbricht, für sein Gegenteil: Die Veränderung des gesellschaftlichen Verhaltens und Konsums in Fürsorglich- und Nachhaltigkeit. Bei ihr ist der Kipppunkt dort, wo sich das ökonomische Wertesystem zu verändern beginnt.
Also mögen wir damit beginnen, das richtige Leben im falschen zu führen.
Hören wir auf, uns resignativ und fatalistisch auf Chinesen und Araber und US-Amerikaner herauszureden, die die Verbrennung fossiler Energie praktizieren und ausweiten. Lassen das Auto stehen und nehmen das Fahrrad. Kaufen die teure Eisenbahnkarte statt des Billigflugline-Tickets. Hören wir auf damit, die Politik unseres Kleinstaates pauschal zu diskreditieren. Lassen wir die Blumenwiese wachsen, auch wenn der Nachbar seinen pflegeleichten Mähroboter-Zierrasen verteidigt. Kaufen, wo möglich, das Essen am Biohof. Schicken um fünf nach Zwölf niemand weg, weil „Schalter geschlossen“. Wir erleben damit, das gute Gefühl, wie beim Spenden, auch im persönlichen Umfeld..
„Aber das ist erst die eine Seite der Medaille. Ein Blick auf die demokratische Landschaft Europas und darüber hinaus zeigt, dass politische Kräfte, die für starke Klimaschutzmaßnahmen eintreten, generell nicht von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werden.
Doch eine solche Mehrheit ist im Fall sozialer Kipppunkte vielleicht nicht nötig, um eine Veränderung zu erreichen. In einer kürzlich im Fachjournal Earth System Dynamics erschienenen Studie demonstriert die Klimabiologin Ilona Otto mit einem Team vom Wegener Center sowie Fachleuten aus den USA und Schweden, dass bereits 25 Prozent der Bevölkerung ausreichen können, um eine größere Mehrheit zur Übernahme sozialer Normen zu bewegen. Viele Menschen sind bereit, sich anzupassen.“ *)
Das gibt Grund für Optimismus und damit für das richtige Leben im falschen. **) Wir brauchen gar nicht auf den Schmetterling und seinen Effekt zu warten, müssen uns nicht auf die Chaostheorie verlassen, wonach eine Kleinigkeit wie der Flügelschlag eines Schmetterlings ungeahnte, unvorhersehbare, auch positive Auswirkungen haben kann. Pflegen wir dennoch die Blumenwiese im Garten für den Schmetterling!
Anmerkungen:
*) Die Klimabiologin Ilona Otto, Univ. Graz, in: https://www.derstandard.at/story/3000000298679/die-gesellschaftliche-stimmung-zum-klimawandel-kann-jederzeit-kippen
**) Theodor Adorno vs. Ferdinand Sutterlüty: „Widerstehen.Versuche eines richtigen Lebens im Falschen“ (Hamburger Edition 2025)












