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Gerhard Wanner: Ein katholischer Priester aus Vorarlberg über Ungarn im Jahr 1900 – Teil 1

von BK
5. August 2025
in Kultur, Politik
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Gsi.News Chefredakteur Bandi Koeck (links) mit Prof. Gerhard Wanner vor seiner Vorarlbergensien-Bibliothek im Domizil Bazora. Foto: derpodcaster.com

Gsi.News Chefredakteur Bandi Koeck (links) mit Prof. Gerhard Wanner vor seiner Vorarlbergensien-Bibliothek im Domizil Bazora. Foto: derpodcaster.com

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Gsi.News sind die Ersten, welche das noch unveröffentlichte Buch als Serie bringen dürfen: Mit diesem Buch legt Univ.Prof. Dr. Gerhard Wanner den bislang einzigen Bericht eines Vorarlbergers über ungarische Kultur vor – ein ethnologisches Pionierwerk, das seiner Zeit weit voraus war. Der Text, der heute der sozialen und kulturellen Ethnologie zuzuordnen ist, entstand noch bevor in Ungarn selbst 1889 die wissenschaftliche Ethnologie begann.

Besonders ist nicht nur das Thema, sondern auch die Tiefe der Beobachtungen: Dank seiner theologischen, hochrangigen Begleiter erhielt der Autor Zugang zu exklusiven Einblicken in Alltag, Gesellschaft – und überraschend offen – auch in Bereiche wie Sexualität. Der Bericht ist subjektiv, lebendig, ideologisch gefärbt und zugleich bemerkenswert modern: kritisch, kulturvergleichend und mit Blick auf Vorarlberg verfasst.

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Dr. Wanner präsentiert hier ein authentisches Dokument interkultureller Wahrnehmung, das bis heute aktuelle Themen Ungarns aufgreift und neue Perspektiven auf die Beziehung zwischen Vorarlberg und Ungarn eröffnet.

Vom August 1903 bis Jänner 1904 erschienen im Vorarlberger Volksblatt 32 Folgen, meist auf der Titelseite beginnend, welche die Reiseerlebnisse eines Vorarlberger katholischen Geistlichen zum Inhalt hatten – „Mitten durch Ungarn“. Das Vorarlberger Volksblatt war die auflagenstärkste Tageszeitung im Kronland Vorarlberg, das Parteiblatt der Christlichsozialen und das ideologische Medienfundament der katholischen Kirche in Vorarlberg. Sein Redakteur war daher auch ein Geistlicher.

 Der Autor der Beiträge war Pfarrer Josef Hartmann. Seine Ungarnreise verdankte er einem Zufall: Im Jahr 1899 machte ein ungarischer „Domherr“ aus Raab (Györ) Urlaub im Vorarlberger Gebirgstal Montafon. Im kleinen Ort Gaschurn bat er den dortigen Pfarrer Josef Hartmann, eine Messe lesen zu dürfen. Zwischen ihm und dem ungarischen „Priestergreis mit mächtiger gerader Gestalt, mit sehr feinem Auftreten“, entwickelte sich eine spontane Freundschaft, und es folgte eine Einladung nach Ungarn. Im August 1900 war es so weit.

Wirtschaftsbeziehungen

Hartmann war damals 36 Jahre alt. 1889 war er zum Priester geweiht worden. Er starb im Jahr 1930. Man fragt sich, was das Interesse des Geistlichen an Ungarn weckte. Was wusste man in Vorarlberg, in der westlichsten Provinz der Monarchie, die auf den Verkehrswegen nach Budapest ca. 1.000 km entfernt lag, vom fernen Königreich Ungarn? Die Überraschung ist groß – man war gut informiert, zumindest wenn man Leser des Vorarlberger Volksblattes und/oder Wirtschaftstreibender war. Vorarlberg, mit einer Fläche von 2.600 km2, besaß um die Jahrhundertwende 130.000 Einwohner, und das Besondere innerhalb der Monarchie – etwa 40% der Bevölkerung waren in Industrie und Gewerbe beschäftigt. Damit gehörte es zu den wenigen Industriezentren des Habsburger Reiches. Sein Schwerpunkt war die baumwollverarbeitende Textilindustrie und die Maschinenstickerei. In der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, auf Viehzucht spezialisiert, waren noch ca. 30% der Bevölkerung berufstätig. Und beide Wirtschaftssektoren hatten viel mit Ungarn zu tun. Was die gesamte Industrieproduktion betraf, gingen Vorarlbergs Exporte zu einem Drittel nach Ungarn! Geliefert wurden vor allem Textilien in die deutschen Sprachinseln in Ungarn, im Banat und in Siebenbürgen, ferner Schuhe und Uhren. Und die Bauern lieferten, man hält es kaum für möglich, hochwertiges Zuchtvieh, unter anderem aus dem Montafon, nach Ungarn. Andererseits war die Nahrungsversorgung Vorarlbergs mit Getreide und Mehl fast zur Gänze auf die Importe aus Ungarn angewiesen. Nur ein Beispiel: Die jährlichen Lieferungen von Weizen beliefen sich auf bis zu 2.000 Eisenbahnwaggons (6. 6. 14). Die wichtigsten Ursachen für diese engen wirtschaftlichen Beziehungen waren vor allem zwei: Die Exporte nach Ungarn waren zollfrei, und ab 1884 verband die Arlbergbahn Vorarlberg mit dem Eisenbahnnetz der gesamten Monarchie.

Die ungarische Innen- und Wirtschaftspolitik spielten daher auch innerhalb Vorarlbergs eine wichtige Rolle. Es ging dabei vor allem um die wiederkehrenden ‚Ausgleichsverhandlungen’ zwischen der österreichischen und ungarischen Reichshälfte. Sie waren von solch großem Interesse, dass sich der Vorarlberger Landtag wiederholt damit beschäftigte und darüber auch die Bevölkerung detailliert informierte. Die Landespolitiker, die Industriellenvereinigung und die Handelskammer warfen der ungarischen Regierung vor, mit den Verträgen die österreichische Reichshälfte zu schädigen. Radikale ungarische Kreise forderten sogar die wirtschaftliche Trennung bis zur Auflösung der Personalunion mit Österreich.

Für Vorarlbergs Wirtschaftstreibende ein unverständlicher Anachronismus, eine wirtschaftliche Katastrophe. Es würden dann kaum neue Absatzmärkte zu finden sein, die Folgen für die ohnedies arme Arbeiterschaft wäre soziale Verelendung. Ungarn beeinflusste aber auch die Vorarlberger ‚Innenpolitik’, die sich radikalisierte. Die ‚Deutschfreisinnigen’ oder ‚Großdeutschen’ strebten nämlich einen Anschluss an Deutschland an, die Aufkündigung der Verträge mit Ungarn und letztlich die Auflösung des Habsburgerreiches. Sie begrüßten daher die ungarischen Loslösungserscheinungen von Österreich.

Die Schuld an der Österreich schädigenden ungarischen Wirtschaftspolitik gab man den dortigen radikalliberalen Politikern, den ‚Kossuth-Nationalisten’:

Die Ungarn wollen, seit dem dort die radikalen Parteien ans Ruder gekommen sind, die volle wirtschaftliche Trennung; sie geben sich aber mit dem nicht zufrieden, sondern sie streben auch die Änderung der pragmatischen Verhältnisse der beiden Staaten an durch die Forderungen nach einer eigenen Armee und nach Änderung der Vertretung der Monarchie nach Außen.

Das Eingehen auf derartige Forderungen Ungarns sei ein Attentat auf die Gesamtmonarchie, ein Aufgeben der Großmachtstellung Österreichs, ja geradezu der Ruin des Reiches. Der volkswirtschaftliche Ausschuss des Vorarlberger Landtages appellierte daher 1903 an die Reichsregierung:

Wir wollen ein starkes, ein mächtiges Österreich, das seiner historischen Aufgabe, der Versöhnung der Nationen, der Ausdehnung der europäischen Kultur nach Osten, der Erhaltung des Friedens und der Pflege der geistigen und materiellen Entwicklung seiner Länder und Völker gerecht zu werden vermag. (23. u. 27. 10. 03; 9. 3. 07)

Mit diesen Forderungen entsprachen die Christlichsozialen der Einstellung von etwa 80% der Bevölkerung Vorarlbergs.

Autor und Pfarrer Josef Hartmann

Und dazu gehörte auch Pfarrer Josef Hartmann, der sich für Politik sehr interessierte und ein glühender Anhänger des katholischen Habsburgerhauses war. Es wundert nicht, wenn er vor seiner Reise zugab, dass er „über Ungarn noch nicht viel Gutes gehört hatte, am wenigsten über die ungarische Kirche“ (5. 1. 04). Seine Reiseeindrücke verarbeitete er durchaus kritisch, er machte in seinen Zeitungsberichten aus seiner ideologischen Haltung kein Geheimnis, verglich Ungarn wiederholt mit seiner Vorarlberger Heimat und fand in Ungarn hinter allem ein einziges Übel – das Judentum und den ‚Judenliberalismus’, gepaart mit einem verwerflichen nationalistischen ‚Magyarismus’. Die Rettung vor diesen ‚Seuchen’ sah er in einem gläubigen und sozialen Katholizismus und, man hält es kaum für möglich, in der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes.

Hartmann, der unermüdlich Fragen stellte, erfuhr viel, wenn auch sicherlich Einseitiges über Ungarn. Ständig war er von Geistlichen begleitet, hielt sich in deren Kreisen auf, war auf Versammlungen und Festlichkeiten eingeladen, war gern gesehener Gast aus dem fernen Vorarlberg. Und es scheint auch, dass er sich bisweilen nicht als Pfarrkleriker durch seinen Habitus zu erkennen gab. Man hielt ihn nämlich bisweilen für einen Offizier oder Jesuiten. Es ist daher verständlich, dass seine Aussagen über Ungarn sehr stark von den bisweilen subjektiven Informationen seiner klerikalen Begleiter gefärbt waren. Er besaß jedoch einen Reiseführer, der ihm das nötige historische Gerüst bot.

Sein Reiseprogramm im August 1900 war vielseitig und führte ihn zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten zwischen Wien und Budapest. Weiter scheint er nicht gereist zu sein. Er berichtet zuerst aus Ödenburg (Sopron), dem Esterhazy-Schloss bei Fertöd, dann aus Raab (Györ), Gran (Esztergom) und schließlich aus Budapest. Er interessierte sich für sämtliche Bereiche des Lebens, vor allem auch für den Alltag der Menschen, für Geschichte, Politik, Kultur und vor allem für Kirche und Religion. Kein Interesse zeigte er für die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, außer wenn sie im Zusammenhang standen mit den von ihm tief gehassten Juden.

Josef Hartmann, zwölf Jahre Pfarrer in Gaschurn im Montafon, starb im Alter von 66 Jahren „wohl vorbereitet und mit den hl. Sakramenten gestärkt“ im Jahr 1930.

Tags: GeschichteVorarlberg
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