DELPHINA: Eine kleine Frau, ein großes Leben – und eine Graphic Novel, die unter die Haut geht

Cover von "Delphina". Foto: Residenz Verlag

Es gibt Bücher, die Geschichte erklären. Und es gibt Bücher, die Geschichte fühlbar machen. Die Graphic Novel „Delphina“, herausgegeben von Lydia Maria Arantes und Sarah Kühne und illustriert von Anna Stemmer-Dworak, gehört zur zweiten Kategorie. Sie erzählt das Leben von Delphina Burtscher (1926–2008), der Großmutter der beiden Herausgeberinnen, und führt mitten hinein in eine Zeit, in der Menschlichkeit Mut erforderte und eine einzige Entscheidung über Leben und Tod bestimmen konnte.

Das Ergebnis ist ein außergewöhnlich eindrückliches, kunstvoll gestaltetes Buch, das Familiengeschichte, regionale Zeitgeschichte und die große Frage nach menschlicher Haltung miteinander verbindet. Es ist ein Werk über Verfolgung und Verlust, über Widerstand und Verantwortung, aber ebenso über Humor, Lebensfreude und die Fähigkeit, trotz schwerster Erfahrungen nicht am Leid zugrunde zu gehen.

Die damals 12-jährige Delphina Burtscher (c) Familienarchiv Fam. Burtscher

Die Handlung: Eine junge Frau zwischen Liebe, Widerstand und Verfolgung

Delphina wächst als jüngste Tochter einer armen Kleinbauernfamilie im hintersten Großen Walsertal auf. Ihr Leben ist von harter Arbeit, bescheidenen Verhältnissen und den engen Strukturen einer bäuerlichen Welt geprägt. Als der Nationalsozialismus den Alltag bestimmt und der Krieg immer tiefer in die Familien hineinreicht, gerät auch die Familie Burtscher in den Strudel der Ereignisse.

Delphinas Brüder Willi und Leonhard sowie ihr Verlobter Martin Lorenz kehren nicht mehr an die Front zurück. Sie verweigern sich dem weiteren Kriegsdienst und schließen sich einer kleinen Widerstandsgruppe an. Die erst 17-jährige Delphina unterstützt die Männer, versorgt sie mit Lebensmitteln und hilft ihnen, sich der Verfolgung zu entziehen. Was aus familiärer Verbundenheit und menschlicher Überzeugung geschieht, wird unter dem NS-Regime zu einer lebensgefährlichen Entscheidung.

Die Gruppe wird verraten. Im Dezember 1944 werden Martin und Delphinas Bruder Willi in Graz enthauptet. Delphina selbst wird verhaftet und in eine Jugendhaftanstalt in der Nähe von München gebracht. Ihr Baby muss sie zurücklassen. Die Gewalt des Regimes zerstört damit nicht nur Lebensentwürfe, sondern greift unmittelbar in die intimsten Beziehungen eines Menschen ein.

Doch „Delphina“ endet nicht bei der Verfolgungsgeschichte. Das Buch erzählt auch von einem Leben nach dem Krieg, von weiteren Verlusten, vom schwierigen Neubeginn und von einer Frau, die sich ihre Lebensfreude nicht vollständig nehmen lässt. Delphina wird Mutter von acht Kindern und Großmutter von 18 Enkelkindern. Selbst nach schweren Schicksalsschlägen bewahrt sie sich ihren Humor, ihre Zuversicht und eine bemerkenswerte Fähigkeit, das Leben anzunehmen.

Gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Geschichte: Delphina wird nicht auf die Rolle eines Opfers reduziert. Sie erscheint als eigenständiger Mensch mit Widersprüchen, Gefühlen, Beziehungen und einer inneren Stärke, die sich nicht in großen Worten, sondern im alltäglichen Handeln zeigt.

Die Idee: Familiengeschichte wird zu Zeitgeschichte

Was dieses Buch besonders macht, ist sein persönlicher Ausgangspunkt. Lydia Maria Arantes und Sarah Kühne erzählen nicht einfach die Biografie einer historischen Persönlichkeit. Sie setzen sich mit der Geschichte ihrer eigenen Großmutter auseinander und fragen zugleich, was diese Vergangenheit für die nachfolgenden Generationen bedeutet.

Die Graphic Novel verbindet Delphinas Erinnerungen mit den Perspektiven ihrer Enkelinnen. Dadurch entstehen mehrere Zeitebenen: die erlebte Vergangenheit, die spätere Erinnerung und die heutige Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. Die Geschichte wird nicht als abgeschlossene Episode präsentiert, sondern als etwas, das in Familien weiterlebt, Fragen aufwirft und das Selbstverständnis späterer Generationen prägt.

Diese Verbindung von persönlicher Erinnerung und historischer Aufarbeitung ist ein wesentlicher Vorzug des Buches. Die große Geschichte des Nationalsozialismus wird nicht abstrakt erzählt, sondern anhand konkreter Menschen und Entscheidungen nachvollziehbar gemacht. Widerstand erscheint hier nicht ausschließlich als organisierter politischer Kampf, sondern auch als Hilfe für Verfolgte, als Versorgung von Deserteuren und als Weigerung, Menschen in einer ausweglosen Situation im Stich zu lassen.

Damit wirft das Buch eine Frage auf, die weit über Vorarlberg und die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinausreicht: Was bedeutet Menschlichkeit, wenn ein Unrechtsstaat bestimmt, welches Verhalten erlaubt ist und welches mit dem Tod bestraft wird?

Delphinas Geschichte liefert darauf keine vereinfachte Antwort. Sie zeigt vielmehr, dass moralische Entscheidungen häufig unter schwierigen Bedingungen getroffen werden und dass Zivilcourage nicht immer laut, sichtbar oder organisiert sein muss.

Die Gestaltung: Wenn Bilder Geschichte erzählen

Einen entscheidenden Anteil an der Wirkung hat die künstlerische Umsetzung durch Anna Stemmer-Dworak. Die Zeichnungen machen aus der überlieferten Lebensgeschichte eine visuelle Erzählung, in der Bilder, Szenen und erzählerische Übergänge eine eigene Sprache entwickeln. Die Graphic Novel nutzt damit die Möglichkeiten eines Mediums, das historische Ereignisse nicht nur beschreibt, sondern räumlich und emotional erfahrbar machen kann.

Die Stärke der Form liegt darin, dass sie den Leser nicht auf eine reine Abfolge historischer Fakten festlegt. Bilder können Stimmungen vermitteln, Nähe schaffen und Momente des Schweigens sichtbar machen, für die Worte allein manchmal nicht ausreichen. Gerade bei einer Geschichte, die von Gewalt, Angst, Verlust und familiärer Erinnerung geprägt ist, eröffnet das einen besonderen Zugang.

Die Gestaltung verleiht Delphina ein Gesicht und macht sie als Menschen greifbar. Sie steht nicht länger nur für ein historisches Schicksal, sondern wird als junge Frau sichtbar, die liebt, hofft, Entscheidungen trifft und Verantwortung übernimmt.

Besonders überzeugend ist dabei die Verbindung zwischen dem Schweren und dem Alltäglichen. Das Leben besteht nicht nur aus den dramatischen Höhepunkten einer Biografie. Es besteht ebenso aus familiären Beziehungen, kleinen Gesten, Erinnerungen und Augenblicken des Glücks. Dass die Erzählung auch Delphinas Humor und Lebensfreude berücksichtigt, verhindert, dass die Graphic Novel zu einer ausschließlich düsteren Darstellung wird.

So entsteht ein Werk, das historische Ernsthaftigkeit mit einer sehr persönlichen, menschlichen Erzählweise verbindet.

Warum „Delphina“ heute wichtig ist

Die Geschichte besitzt eine besondere Bedeutung für die Erinnerungskultur. Sie führt vor Augen, dass Widerstand gegen den Nationalsozialismus nicht allein in großen politischen Zentren oder durch bekannte Persönlichkeiten stattfand. Auch in abgelegenen Tälern und kleinen Gemeinden gab es Menschen, die Entscheidungen trafen, deren Konsequenzen sie kaum überblicken konnten.

Delphina Burtscher steht für eine Form von Widerstand, die aus unmittelbarer Menschlichkeit erwuchs. Sie half Menschen, die sich dem Krieg verweigerten, obwohl sie damit sich selbst und ihre Familie in Gefahr brachte. Ihre Geschichte erweitert damit den Blick auf jene, die sich dem nationalsozialistischen Herrschaftsanspruch widersetzten, ohne zwangsläufig Teil einer großen Widerstandsorganisation zu sein.

Zugleich eignet sich das Buch hervorragend für die historische und politische Bildungsarbeit. Es ermöglicht Jugendlichen und Erwachsenen, sich über eine konkrete Lebensgeschichte mit Nationalsozialismus, Wehrmachtsdesertion, Verfolgung und Zivilcourage auseinanderzusetzen. Die visuelle Erzählform kann dabei einen niedrigschwelligen Einstieg bieten, ohne die historische Komplexität aufgeben zu müssen.

Besonders wertvoll ist die generationenübergreifende Perspektive. Die Enkelinnen machen deutlich, dass Erinnerungsarbeit nicht erst dann beginnt, wenn Zeitzeugen nicht mehr selbst berichten können. Sie beginnt bereits mit dem Zuhören, dem Nachfragen und dem Versuch, das Überlieferte in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Das Buch lädt deshalb auch dazu ein, die eigene Familiengeschichte genauer anzusehen: Welche Erlebnisse wurden weitergegeben? Welche Geschichten blieben unausgesprochen? Und was bedeutet es, Verantwortung für die Erinnerung an vergangenes Unrecht zu übernehmen?

Factbox: Das Buch auf einen Blick

DELPHINA

Graphic Novel · Residenz Verlag

Herausgeberinnen: Lydia Maria Arantes und Sarah Kühne

Illustrationen: Anna Stemmer-Dworak

Umfang: 104 Seiten

Format: ca. 20 × 27,5 cm, kartoniert

Sprache: Deutsch

Erscheinungstermin: 13. Juli 2026

ISBN: 978-3-7017-1825-2

Für wen?

Für Leser historischer Biografien, Graphic Novels und regionaler Zeitgeschichte sowie für den Einsatz in Schule, Erwachsenenbildung und Gedenkarbeit.

Fazit: Ein Buch, das bleibt

„Delphina“ ist weit mehr als eine illustrierte Familienbiografie. Die Graphic Novel ist ein eindringliches Plädoyer für Menschlichkeit, Zivilcourage und die Bedeutung des Erinnerns. Lydia Maria Arantes und Sarah Kühne ist es gelungen, die Geschichte ihrer Großmutter aus dem privaten Familiengedächtnis herauszulösen und in einen Zusammenhang zu stellen, der auch für heutige Leser von Bedeutung ist. Anna Stemmer-Dworaks Illustrationen verleihen dieser Erzählung eine visuelle Kraft, die das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis macht.

Die Geschichte erschüttert, weil sie zeigt, wie brutal ein totalitäres Regime in das Leben gewöhnlicher Menschen eingreifen kann. Sie beeindruckt, weil sie den Mut einer jungen Frau sichtbar macht, die sich trotz der Gefahren nicht von ihrer Menschlichkeit abbringen lässt. Und sie berührt, weil sie erzählt, wie ein Mensch nach schwersten Verlusten weiterlebt, Beziehungen aufbaut und sich die Fähigkeit bewahrt, Freude zu empfinden.

Dabei verklärt das Buch das Leid nicht und macht aus Delphina keine unfehlbare Heldin. Seine Stärke liegt vielmehr darin, einen Menschen in seiner ganzen Lebensgeschichte ernst zu nehmen.

Diese Graphic Novel ist unbedingt lesenswert. Sie gehört zu jenen Büchern, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern den Blick auf Geschichte verändern können. Sie erinnert daran, dass hinter historischen Ereignissen immer einzelne Menschen stehen – mit ihren Ängsten, Hoffnungen und Entscheidungen. Und sie zeigt, dass Erinnerung dann besonders lebendig wird, wenn sie nicht bei den Opfern und dem Unrecht stehen bleibt, sondern auch von Mut, Menschlichkeit und der Kraft des Weiterlebens erzählt.

Ein kunstvoll gestaltetes, historisch bedeutsames und menschlich tief berührendes Buch, das weit über das Große Walsertal hinausweist und einen bleibenden Platz in der regionalen Erinnerungskultur verdient.

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