Erinnern, zuhören, weitergehen: Tag des Denkmals führt in Hohenems zur Habsburg

Habsburg Hohenems. Bilder: Bandi R. Koeck

Der letzte Sonntag war Tag des Denkmals und stand in Hohenems ganz im Zeichen eines Gebäudes, das auf besondere Weise mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde, der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung und der Frage nach dem Umgang mit historischer Bausubstanz verbunden ist: dem ehemaligen Gasthaus Habsburg in der Graf-Maximilian-Straße 19.

Unter dem österreichweiten Motto „Denkmale: Wert für alle.“ lud das Jüdische Museum Hohenems heute zu zwei öffentlichen Führungen ein. Die beiden Rundgänge um 9.30 und 14 Uhr waren dem Thema „Das Gasthaus Habsburg – Fluchtgeschichten, Erinnerung und Zukunft eines Denkmals“ gewidmet. Das Interesse war groß: Zahlreiche Besucher nahmen an den Führungen teil, viele davon ausgestattet mit Audio-Guides, die den Rundgang durch Hohenems und die Geschichte des jüdischen Viertels zusätzlich erschlossen.

Eine Geschichte, die in der Familie weiterlebt

Besonders eindrücklich wurde der Rundgang durch die persönliche Perspektive von Elisabeth Bitschnau, einer Zeitzeugin, deren Familie unmittelbar mit dem Gasthaus verbunden ist. Ihre Großmutter war einst die Wirtin der Habsburg. Damit wurde die Geschichte des Hauses nicht ausschließlich anhand von Dokumenten, historischen Fotografien und archivalischen Quellen vermittelt, sondern auch über persönliche Erinnerungen, die innerhalb einer Familie weitergegeben wurden.

Gerade diese Verbindung von persönlicher Erinnerung und historischer Forschung machte den heutigen Rundgang besonders anschaulich. Das Gasthaus Habsburg ist kein abstrakter historischer Ort. Es war ein Wirtshaus, ein Treffpunkt und ein Ort, an dem sich Menschen aufhielten, die in einer der dunkelsten Zeiten der europäischen Geschichte auf der Flucht waren.

Im Mittelpunkt der Führung im Jüdischen Museum stand deshalb auch das historische Gästebuch des Gasthauses. Darin findet sich unter einem falschen Namen ein Eintrag der Kunsthistorikerin und Lyrikerin Gertrud Kantorowicz. Kantorowicz kam gemeinsam mit ihrer Tante Clara sowie Paula Hammerschlag, Marie Winter und Paula Korn nach Hohenems, um über die nahe Schweizer Grenze zu entkommen. Die fünf Frauen hielten sich unter falschen Namen in Hohenemser Gasthäusern auf. Nur Paula Korn gelang schließlich die Flucht in die Schweiz. Kantorowicz wurde festgenommen und später nach Theresienstadt deportiert, wo sie 1945 starb.

Damit verweist das Gästebuch der Habsburg unmittelbar auf die dramatische Geschichte jüdischer Fluchtversuche über Hohenems und den Alten Rhein.

Die Habsburg als Ort der Fluchtgeschichte

Das Gasthaus spielte während der NS-Zeit eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit jüdischen Flüchtlingen. Die Nähe zur Schweizer Grenze machte Hohenems im Jahr 1938 zu einem wichtigen Schauplatz von Flucht und Fluchthilfe. Die Grenze am Alten Rhein wurde für Menschen, die dem nationalsozialistischen Terror entkommen wollten, zu einem möglichen Weg in die Schweiz.

Historische Quellen dokumentieren, dass jüdische Flüchtlinge im Gasthaus Habsburg unterkamen. Besonders eindrücklich ist etwa der Bericht des Wiener Schlagerkomponisten Willy Geber, der im August 1938 nach Hohenems kam. Er schilderte später, wie er gemeinsam mit zahlreichen anderen Flüchtlingen im Gasthaus Habsburg untergebracht und kontrolliert wurde, bevor die Gruppe unter Bewachung durch Hohenems in Richtung Grenze geführt wurde.

Die Geschichte der Habsburg reicht allerdings über das Jahr 1938 hinaus. Auch der Fluchtversuch der fünf Frauen rund um Gertrud Kantorowicz im Mai 1942 ist mit dem Gasthaus verbunden. Die Habsburg steht daher nicht nur für die unmittelbaren Folgen des „Anschlusses“ 1938, sondern für die zunehmende Verfolgung jüdischer Menschen und die immer lebensgefährlicher werdenden Fluchtversuche während der NS-Herrschaft.

Vom Museum zur Habsburg

Nach der Einführung im Jüdischen Museum ging es zu Fuß zur Habsburg. Der Weg führte durch das historische Hohenems und machte deutlich, wie eng die Geschichte des ehemaligen jüdischen Viertels mit den Ereignissen rund um Flucht und Verfolgung verbunden ist.

Das Jüdische Viertel Hohenems zählt zu den bedeutendsten erhaltenen historischen jüdischen Ensembles in Österreich. Erhalten geblieben sind unter anderem die ehemalige Synagoge, die Mikwe, das ehemalige jüdische Schulhaus, das Armenhaus sowie zahlreiche Wohnhäuser jüdischer Familien. Die wesentlichen Teile des Viertels stehen seit 1996 unter Denkmalschutz.

So wurde der heutige Rundgang zugleich zu einem Spaziergang durch die Geschichte Hohenems‘. Die Teilnehmer gingen nicht einfach von einem Museum zu einem historischen Gebäude. Sie bewegten sich durch einen Stadtraum, in dem sich jüdische und christliche Geschichte über Jahrhunderte hinweg unmittelbar begegneten.

Ein Denkmal mit einer offenen Zukunft

An der Habsburg selbst richtete sich der Blick schließlich auf die Gegenwart. Denn die Frage, was mit einem historischen Gebäude geschehen soll, dessen Geschichte von besonderer Bedeutung ist, ist ebenso Teil des Denkmalschutzes wie die Erforschung seiner Vergangenheit.

Das Gasthaus ist heute kein gewöhnlicher Gastronomiebetrieb mehr. Seit einigen Jahren wird es nicht mehr als Gaststätte geführt; inzwischen steht das Gebäude leer. Zugleich ist die Eigentumssituation mit mehreren Erben komplex. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und ist damit nicht nur privates Eigentum, sondern auch Teil des kulturellen Erbes der Stadt.

Der aktuelle Denkmalschutz ist dokumentiert: Das Bundesdenkmalamt führt den Gasthof Habsburg, Graf-Maximilian-Straße 19, Hohenems, als denkmalgeschütztes Objekt.

Gerade deshalb war es passend, dass beim heutigen Rundgang nicht nur zurückgeblickt wurde. Im Gespräch mit Florian Wöß vom Bundesdenkmalamt ging es auch um die Zukunft des Gebäudes, um Denkmalschutz und um die Frage, wie ein historisch bedeutender Ort erhalten und sinnvoll weiterentwickelt werden kann. Das Jüdische Museum hatte diesen Gegenwartsbezug ausdrücklich zum Bestandteil der Führungen gemacht.

Geschichte zum Hören und Gehen

Besonders gelungen war die Verbindung verschiedener Vermittlungsformen. Die Besucher konnten sich im Museum anhand der historischen Quellen informieren, den persönlichen Erinnerungen der Zeitzeugin Elisabeth folgen und anschließend den Weg zur Habsburg gemeinsam zu Fuß zurücklegen. Die Audio-Guides ermöglichten dabei eine zusätzliche individuelle Auseinandersetzung mit den historischen Orten.

Das machte den heutigen Tag des Denkmals zu mehr als einer klassischen Museumsführung. Geschichte wurde im wahrsten Sinne des Wortes begangen.

Die Habsburg selbst blieb dabei nicht bloß Kulisse. Ihre Mauern stehen für konkrete Menschen und konkrete Schicksale: für diejenigen, die 1938 nach Hohenems kamen, weil sie Österreich verlassen mussten; für jene, die hofften, über den Alten Rhein in die Schweiz zu gelangen; für Fluchthelfer, aber auch für Verfolgung und Scheitern.

Gerade die Geschichte von Gertrud Kantorowicz zeigt, wie unmittelbar sich diese Ereignisse mit dem Gebäude verbinden lassen. Ihr Eintrag im Gästebuch ist ein kleines historisches Dokument mit einer enormen biografischen Bedeutung.

Großes Interesse an einem schwierigen Kapitel

Der große Zuspruch am heutigen Tag zeigte, dass das Interesse an dieser Geschichte ungebrochen ist. Viele Menschen wollten die Habsburg kennenlernen, die Geschichte der jüdischen Flüchtlinge nachvollziehen und zugleich erfahren, welche Perspektive es für das denkmalgeschützte Gebäude gibt.

Dabei war die Atmosphäre keineswegs museal-distanziert. Der Rundgang durch das schöne Hohenems verband historische Information mit dem unmittelbaren Erleben der Stadt. Zwischen den alten Häusern des jüdischen Viertels wurde sichtbar, dass Erinnerungskultur nicht nur in Ausstellungen stattfindet, sondern auch im öffentlichen Raum.

Der Tag des Denkmals brachte damit drei Ebenen zusammen: die Geschichte der Verfolgten, die persönliche Erinnerung einer Familie und die aktuelle Verantwortung für ein historisches Gebäude.

Das Jüdische Museum Hohenems hat mit den beiden Führungen ein Thema aufgegriffen, das weit über die Geschichte eines einzelnen Gasthauses hinausreicht. Die Habsburg erzählt von Flucht und Hoffnung, von Menschen, die in Hohenems einen letzten Zwischenhalt vor der Grenze suchten, und von einer Stadt, deren Geschichte bis heute in ihren Gebäuden sichtbar geblieben ist.

Dass dabei auch die Frage nach der Zukunft des Hauses gestellt wurde, gab dem heutigen Tag des Denkmals eine zusätzliche Dimension. Denkmalschutz bedeutet nicht nur, Gebäude zu bewahren. Er bedeutet auch, die Geschichten zu bewahren, die mit diesen Gebäuden verbunden sind. In Hohenems wurde heute beides eindrucksvoll miteinander verbunden.

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