Alberts Notion: Moralischer Rückschritt  in guten Zeiten

Dr. Albert Wittwer

Strategie und Taktik

Eine Wunschvorstellung unterscheidet sich von einem realistischen Ziel. Ein Ziel zu haben ersetzt noch keine Strategie.

Von MMag. Dr.iur. Albert Wittwer

Warum, in aller Welt, fragen Sie, sollten die Zeiten heute gut sein? Im Gedröhne der pseudóaktuellen Nachrichten, dem entbehrlichen täglichen Aufheulen in „Truth Social“ und Ge-Twitter, treu wiederholt von den Qualitätsmedien (wie kriegt man sonst die fünfzig Seiten voll?), gehen die guten Taten, die großartigen Erfindungen unter. Neudeutsch: „bad news are good news“.

Die modernen Techniken in Landwirtschaft und Transportwesen machten es möglich, die gesamte Menschheit zu ernähren, zu versorgen. Viele zuvor aussichtslose Krankheiten können geheilt, die Symptome und die Schmerzen gemildert werden.

Dennoch müssen wir von einem drastischen moralischen Rückschritt ausgehen. Zu Beginn der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts postulierte Francis Fukuyama „Das Ende der Geschichte“ (The End of History). Diese populäre politikwissenschaftliche These postuliert, dass die westliche liberale Demokratie nach dem Kalten Krieg, dem Untergang von Kommunismus und Faschismus, die finale Form menschlicher Regierung darstellt und somit das Ende der ideologischen Evolution der Menschheit erreicht sei. 

Die aktuellen, völkerrechtswidrigen Angriffskriege werden teilweise im deutschsprachigen Europa (Israel) und in der Slowakei und Ungarn (Überfall auf die Ukraine) nur maßvoll kritisiert.

Die Ziele der Aggression sind ja offensichtlich, das faschistoide bzw. stalinistische Merkmal der „Größe“, amerikanisch „great again“, ist wiederauferstanden. Aber das Ziel ersetzt – besonders in Bezug auf Donald und seine Clique – keine Strategie. Dort werden ausschließlich Taktiken, täglich neue, unzusammenhängende angewendet. Eine Strategie könnte ja vorhersehen, was das iranische Regime macht, wenn es bedroht wird. Sie könnte vorhersehen, wie das Sperren der Meerenge die Versorgung, den Welthandel beschädigt. U.v.a. Wie oft war die Intervention einer ausländischen Großmacht bei Fehlen einer strukturierten Zivilgesellschaft erfolgreich? Jedenfalls nicht in Afghanistan, nicht im Irak, nicht in Gaza, nicht in Libyen.

Bei diesen Machthabern ist keine Rede davon, die Hungernden zu sättigen, die Kranken zu heilen oder zu pflegen. Sie missbrauchen den technischen Fortschritt etwa durch den Einsatz autonomer, KI-gesteuerter Kampfdrohnen. Ihre KI ignoriert Asimovs*) Hauptgesetz der Robotik:  Ein Roboter darf kein menschliches Wesen wissentlich verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem Menschen Schaden zugefügt wird. Dabei kann und wird die Erfindung der KI-gesteuerten Robotik der Menschheit großen Nutzen verschaffen. Sohin ist unsere Gegenwart beides, zugleich gut und schlecht.

Anm.:

*) Isaac Asimov, geb 20. Dezember 1919,  † 6. April 1992 in New York, russisch-amerikanischer Biochemiker, Sachbuchautor.

Die mobile Version verlassen