Ivan Lefkovits spricht über sein Überleben in zwei Konzentrationslagern ganz ohne Hass

CR Bandi Koeck mit Prof. Ivan Lefkovits. Bild: Gsi.News

Ivan Lefkovits ist fast 90 Jahre alt. Ein Mann mit ruhiger Stimme, klarem Blick und einer Geschichte, die kaum auszuhalten ist – und gerade deshalb erzählt werden muss. Er gehört zu jener immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen, die das Unvorstellbare überlebt haben. Nicht als Symbol, sondern als Mensch. Als Kind.

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Geboren 1937 in der damaligen Tschechoslowakei, wurde seine Kindheit jäh beendet, als er 1944 gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder deportiert wurde. Ravensbrück, ein Lager primär für Frauen, ein Ort des Schreckens, folgte. Dort verlor er seinen Bruder und erzählt auf die Frage von Bandi Koeck – und nicht vor Schülern – wie genau sein sechs Jahre älterer Bruder qualvoll aus dem Leben schied. Später folgte der Todesmarsch bis zum Konzentraionslager Bergen-Belsen. Er überlebte diesen nur, weil ihn eine andere Frau auf dem Rücken trug. Hunger, Kälte, Entmenschlichung – und ein Durst, den er bis heute als schlimmer als alles andere beschreibt. Elf Tage lang kein Wasser nach der Befreiung, denn die SS-Wachen ließen alle Wasserleitungen explodieren, als sie vor den heranrückenden Alliierten flohen. Wer das hört, begreift, wie nah Leben und Tod beieinanderlagen.

Und doch überlebten er und seine Mutter wie durch ein Wunder – als Einzige der gesamten Familie.

„Meine Mutter hat mich in Ravensbrück sehr geschützt.
Sie machte Extrakommandos für eine zusätzliche Portion Suppe, die sie mir dann gab. Ich habe Lesen und Schreiben, das ganze Einmaleins unter schlimmsten Umständen gelernt. Meine Mutter hat gesagt:
‹Das wirst du in deinem Leben noch brauchen.›
Das war magisch. Das hiess, du wirst überleben.“

Ivan Lefkovits

Was Ivan Lefkovits von vielen unterscheidet, ist nicht nur seine Geschichte, sondern seine Haltung. Hass und Rache sind für ihn kein Thema. Nicht aus Vergessen, sondern aus bewusster Entscheidung. Er spricht nicht anklagend, sondern mahnend. Nicht laut, sondern eindringlich. Seine Mutter lenkte ihn im Lager mit Mathematikaufgaben ab – vielleicht der erste Keim für jenen Weg, den er später einschlagen sollte.

Nach dem Krieg widmete er sein Leben ganz der Wissenschaft. Er wurde ein international anerkannter Immunologe, gründete in Bern ein weltbekanntes Institut, sprach bei der UNO und forschte an den Grundlagen des Lebens. Er wollte nicht auf seine Opferrolle reduziert werden. Erst spät begann er, über den Holocaust zu sprechen – bewusst getrennt von seiner wissenschaftlichen Arbeit. Heute weiss er: Das Erzählen ist notwendig.

Wenn er vor Jugendlichen spricht, geschieht etwas Besonderes. Geschichte wird greifbar. Zahlen bekommen Gesichter. Leid bekommt eine Stimme. Und Hoffnung eine Form. Lefkovits appelliert nicht mit erhobenem Zeigefinger. Er fordert Achtsamkeit, Gespräch, Menschlichkeit. Er weiß, wie zerbrechlich Zivilisation ist.

Sein Leben ist ein Beweis dafür, dass Überleben mehr sein kann als Weiterexistieren. Es kann Verantwortung bedeuten.


Factbox: Prof. Ivan Lefkovits

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