Zwischen Alarmruf und Aufbruch: Susanne Wiesingers „Gebt unseren Kindern eine Chance!”

Susanne Wiesingers: Gebt unseren Kindern eine Chance. Ecowing Verlag

Mit „Kulturkampf im Klassenzimmer” hat Susanne Wiesinger vor einigen Jahren eine Debatte ausgelöst, die bis heute nachwirkt. Nun legt die Wiener Lehrerin nach. „Gebt unseren Kindern eine Chance!” ist eine Streitschrift über den Zustand der österreichischen Schulen, und sie ist der Versuch, aus Beobachtungen im Klassenzimmer ein bildungspolitisches Programm zu machen.

Worum es geht

Wiesinger unterrichtet seit mehr als dreißig Jahren, zuerst an Volksschulen, heute an einer Mittelschule in Wien-Favoriten. Aus dieser Praxis speist sich das Buch. Sie beschreibt Klassen, in denen viele Kinder kaum Deutsch sprechen und in denen motorische und sprachliche Grundlagen fehlen. Dazu kommen psychische Belastungen, Personalmangel und Gewalt. Verschärft werde das alles, so ihre These, durch Zuwanderung und Familiennachzug, die zu wachsender sozialer Segregation führten.

Der Blick bleibt nicht auf Wien beschränkt. Das Buch versteht sich ausdrücklich als bundesweite Bestandsaufnahme und führt auch in Industriestädte wie Wels, Kapfenberg und Bludenz. Für Leserinnen und Leser in Vorarlberg ist das ein Pluspunkt: Die Probleme werden nicht als reines Großstadtphänomen abgetan.

Argumentation und Aufbau

Eine zentrale Denkfigur ist die „Illusion der Durchmischung”. Solange eine Klasse sozial und sprachlich gemischt ist, kann Integration gelingen. Sitzen aber achtzig oder neunzig Prozent Kinder mit derselben Herkunftssprache in einem Raum und kaum noch deutschsprachige, entsteht laut Wiesinger gerade jener Kontakt nicht mehr, den Integration braucht. Das ist ein einleuchtendes Argument, das sich nicht auf Weltanschauung stützt, sondern auf Alltagsbeobachtung.

Das Buch erschöpft sich aber nicht in Problembeschreibung. Wiesinger setzt bewusst „Lichtblicke” dagegen. Geschichten von Kindern wie Sefer und Tamira zeigen, dass auch Kinder mit schwierigen oder traumatischen Ausgangslagen ihren Weg machen können. Erfolg setzt für sie drei Dinge voraus: klare Erwartungen, passende institutionelle Unterstützung und Erwachsene, die an die Kinder glauben. Der Titel ist damit nicht nur Appell, sondern Programm: Die Kinder könnten nichts für ihre Ausgangslage, die Erwachsenen sehr wohl für das, was daraus wird.

Wichtig ist auch der Ton in der Migrationsfrage. Trotz drastischer Diagnose lehnt Wiesinger pauschale Forderungen nach „Remigration” ab und wehrt sich dagegen, alle Zugewanderten über einen Kamm zu scheren. „Es sind genauso unsere Kinder”, lautet sinngemäß ihre Haltung. Das unterscheidet das Buch von polemischeren Wortmeldungen zum Thema.

Stärken

Schwächen und Einwände

Fazit

„Gebt unseren Kindern eine Chance!” ist ein engagiertes, streitbares und lesenswertes Buch. Es ist keine neutrale Studie, will es auch nicht sein, sondern die Intervention einer Praktikerin, die genug gesehen hat, um laut zu werden. Gerade deshalb lohnt die Lektüre: für Eltern, Lehrkräfte und alle, die an Bildungspolitik mitreden wollen. Man muss nicht jede Schlussfolgerung teilen, um zu spüren, dass hier jemand aus Verantwortung schreibt und nicht aus Ressentiment. Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung von Härte in der Diagnose und Zuversicht im Ton, denn am Ende steht nicht Resignation, sondern die Überzeugung, dass Kinder Erwachsene brauchen, die ihnen etwas zutrauen und zumuten.

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