Reza Jianmehr: „Die aktuelle Lage im Iran ist eine Katastrophe“

Reza Jianmehr aus Teheran lebt seit 2011 in Österreich. Foto: Privat

Reza Jianmehr, Exiliraner aus Wien spricht im Interview mit Gsi.News über sein Leben damals im Iran und seine Zeit seit 2011 in Österreich und wie sich sein Blick verändert hat. Er erklärt, wie es zur Zerstörung des Landes durch das Mullah-Regime kam und weshalb er daran glaubt, dass ein Regimewechsel realistisch ist. Über den aktuellen Krieg sagt er: „Die meisten Iraner sehen diesen Krieg nicht als Krieg gegen Iran, sondern als Krieg gegen die Islamische Republik.“

Gsi.News: Welche Erinnerungen an deine Heimat sind dir bis heute besonders wichtig?

Reza Jianmehr: Die Erinnerungen an Reisen und an gesellige Treffen mit meinen Freunden gehören zu den wichtigsten Erinnerungen, die ich aus meiner Heimat behalten habe.

Gsi.News: Was vermisst du am Iran am meisten?

Jianmehr: Am meisten vermisse ich die Straßen von Teheran – den Ort, an dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin.

Gsi.News: Gibt es einen Ort, einen Geruch oder ein Erlebnis aus deiner Kindheit, das du sofort mit deiner Heimat verbindest?

Jianmehr: Ja, der Duft der Geißblatt-Blüten (Gol-e Pich Amin-od-Dowleh), die im Frühling in Teheran blühen, gehört zu meinen stärksten Kindheitserinnerungen. Manchmal nehme ich diesen Duft sogar hier in Wien wahr, und er erinnert mich sofort an meine Heimat. Auch der Anblick des Damavand-Berges, den ich als Kind zum ersten Mal gesehen habe, ist für mich ein sehr starkes Symbol meiner Heimat.

Gsi.News: Wie hat sich dein Blick auf den Iran verändert, seit du in Österreich lebst?

Jianmehr: Seit ich in Österreich lebe, bin ich noch patriotischer geworden und habe ein stärkeres Interesse daran entwickelt, mich mit der Geschichte meines Landes zu beschäftigen. Gleichzeitig habe ich auch eine realistischere Sicht auf die iranische Gesellschaft gewonnen.

Gsi.News: Welche Rolle spielen Sprache, Kultur und Traditionen des Iran heute noch in deinem Alltag?

Jianmehr: Sprache, Kultur und Traditionen des Iran spielen eine sehr wichtige Rolle in meinem Alltag. Ich versuche täglich auf Persisch zu lesen, damit meine Muttersprache nicht schwächer wird. Außerdem lege ich großen Wert auf iranische Feste wie Nowruz. Gleichzeitig halte ich weiterhin an vielen kulturellen Traditionen fest, etwa am Respekt gegenüber der Familie und Verwandten oder daran, zu iranischen Feiertagen und Festen zu gratulieren. In meinem Zuhause befindet sich außerdem dauerhaft die iranische Nationalflagge mit dem Löwen-und-Sonne-Symbol.

Gsi.News: Wie erlebst du das Leben als Exil-Iraner in Österreich?

Jianmehr: Wie viele andere Iraner habe ich mich relativ schnell gut in die österreichische Gesellschaft integriert. Hier habe ich Deutsch gelernt, studiert und schließlich die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Seit vielen Jahren habe ich eine gute Arbeit und ein eigenes Zuhause. Ich pflege einen kontinuierlichen Kontakt zur österreichischen Gesellschaft. Gleichzeitig versuche ich meine iranische Kultur zu bewahren und respektiere die Gesetze und die Kultur dieses Landes sehr. Ich feiere jedes Jahr Weihnachten und habe gute Beziehungen zu österreichischen Freunden und Kollegen. Ich bin diesem Land sehr dankbar, weil es mir die Möglichkeit gegeben hat, mich zu entwickeln und ein ruhiges und gesundes Leben zu führen.

Gsi.News: Was schätzt du an Österreich besonders?

Jianmehr: Besonders schätze ich die Natur Österreichs und die Tatsache, dass viele lokale und nationale Traditionen hier bewahrt werden. Kultur und gesellschaftlicher Zusammenhalt haben in der österreichischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert.

Gsi.News: Wie siehst du die aktuelle Lage im Iran unter dem Mullah-Regime?

Jianmehr: Die aktuelle Lage im Iran lässt sich mit einem Wort beschreiben: eine Katastrophe. In den vergangenen 47 Jahren hat das Mullah-Regime das Land faktisch zerstört. Viele der Infrastrukturen, die vor der Revolution von 1979 aufgebaut wurden, befinden sich heute im Niedergang oder werden zunehmend zerstört. Das korrupte und mafiöse System der Mullahs hat große Teile der Wirtschaft verschlungen, und die Wirtschaft wird de facto von einem mafiösen Netzwerk kontrolliert, zu dem unter anderem die Islamischen Revolutionsgarden sowie regimenahe sogenannte Reformpolitiker gehören.

Die Menschen leiden stark unter der schlechten wirtschaftlichen Lage, der extrem hohen Inflation, den strengen islamischen Gesetzen im Land, weit verbreiteter Korruption sowie dem drastischen Wertverlust des iranischen Passes und dem sinkenden internationalen Ansehen der Iraner weltweit. Viele Menschen sind sehr frustriert darüber, dass der Name Iran international häufig sofort mit dem Mullah-Regime und dessen terroristischem System verbunden wird. Gleichzeitig besitzen die Iraner einen sehr großen nationalen Stolz und sind stolz auf ihr Land als eine Nation mit einer reichen Kultur und einer langen, bedeutenden Geschichte.

Gleichzeitig profitieren die Mullahs in gewisser Weise sogar von bestimmten Sanktionen. Da kein funktionierendes und transparentes Wirtschaftssystem existiert, können sie durch ein umfangreiches Netzwerk zur Umgehung der Sanktionen ihren eigenen Reichtum vergrößern, keine Steuern zahlen und Einnahmen nicht in den Staatshaushalt überführen. Das hat dazu geführt, dass ein Land mit enormen Öl- und Gasreserven sowie einem sehr großen touristischen Potenzial immer ärmer wird und die Bevölkerung von Jahr zu Jahr stärker verarmt.

Gsi.News: Glaubst du, dass ein Regimewechsel im Iran realistisch ist? Warum oder warum nicht?

Jianmehr: Meiner Meinung nach ist ein Regimewechsel im Iran durchaus realistisch. Im Gegensatz zu früheren Protestbewegungen, bei denen es zwar große Demonstrationen gab, die jedoch letztlich nicht zu einem grundlegenden politischen Wandel führten, sind heute viele Menschen zu dem Schluss gekommen, dass das eigentliche Ziel ein vollständiger Regimewechsel sein muss und nicht nur Reformen innerhalb des bestehenden Systems.

Gleichzeitig haben viele Menschen inzwischen eine Persönlichkeit als mögliche Führung und Alternative für eine Übergangsphase gewählt: Prinz Reza Pahlavi. In allen 31 Provinzen des Landes wurde sein Name bei Protesten gerufen, begleitet von Slogans wie „Dies ist die letzte Schlacht, Pahlavi kehrt zurück“, „Reza Reza Pahlavi – das ist unser nationaler Ruf“ oder „Javid Shah“.

Er hat einen umfassenden Plan für die Übergangsphase nach der Islamischen Republik vorgestellt, der unter anderem die Durchführung eines Referendums über die zukünftige Staatsform sowie einen klaren Plan für die Verwaltung und den Wiederaufbau des Landes vorsieht. Dieses Programm wurde in den letzten Monaten veröffentlicht, und viele Menschen haben es gelesen und sich dadurch stärker mit der möglichen Zukunft des Iran nach der Islamischen Republik beschäftigt.

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass sich Menschen im ganzen Land – unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit oder religiösem Hintergrund – zunehmend zusammenschließen. Auch verschiedene Oppositionsgruppen, von der Mitte-links bis zur Mitte-rechts, nähern sich einander an und versuchen, auf der Grundlage bestimmter gemeinsamer Prinzipien stärker zusammenzuarbeiten. Dadurch ist die Opposition heute koordinierter und kann die Menschen im Iran besser unterstützen.

Gsi.News: Was denkst du über die jüngsten Angriffe der USA und Israels auf das Mullah-Regime, und welche Folgen könnten diese deiner Meinung nach für die Menschen im Iran haben?

Jianmehr: Wie die meisten meiner Landsleute im Iran bin auch ich der Meinung, dass diese Angriffe dazu beitragen können, die Islamische Republik zu schwächen und letztlich zu ihrem Sturz zu führen. In den letzten Tagen sind aus dem Iran Hunderte Videos veröffentlicht worden, in denen Menschen aus den Fenstern ihrer Wohnungen – teilweise sogar während Bombardierungen – Parolen wie „Danke Netanjahu“ und „Danke Trump“ rufen. Der Grund für diese Reaktionen ist, dass viele Menschen glauben, dass nur starker äußerer Druck und letztlich auch militärische Intervention zum Zusammenbruch dieses korrupten Systems führen können.

In den vergangenen Jahren haben die Menschen im Iran mehrfach große und meist friedliche Proteste organisiert. Das Regime hat jedoch mit extremer Gewalt darauf reagiert. Ein besonders tragisches Beispiel waren die Ereignisse am 8. und 9. Januar: Nach einem Aufruf von Prinz Reza Pahlavi gingen Millionen Menschen im ganzen Land auf die Straßen, und leider wurden Zehntausende von ihnen vom Regime auf brutalste Weise getötet.

Viele Menschen sind daher der Ansicht, dass ein Regime, das seine eigenen Bürger so brutal unterdrückt, gleichzeitig nach Atomwaffen strebt und über ein großes Arsenal an Raketen verfügt, nur durch starken internationalen Druck und möglicherweise militärische Intervention zum Zusammenbruch gebracht werden kann.

Die meisten Iraner sehen diesen Krieg nicht als Krieg gegen Iran, sondern als Krieg gegen die Islamische Republik. In den letzten Monaten wird im Iran häufig ein historisches Beispiel diskutiert: die Befreiung Frankreichs im Jahr 1944 durch die Alliierten und die Rückkehr von Charles de Gaulle nach Frankreich. Einige Menschen vergleichen die heutige Situation im Iran mit jener Zeit und hoffen, dass auch ihr Land eines Tages von der Diktatur befreit wird.

Factbox

Name: Reza Jianmehr

Geboren am 09. 08. 1984 in Teheran/Iran

Beruf: Produkt Lead Microsoft 365

Hobbys: Wandern, Tischtennis, Fußball schauen

Was ich vermisse: Iran

Was ich an Österreich schätze: Natur, Kultur und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Lebt seit 2011 in Österreich

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