Rede zum Holocaust-Gedenktag, 27. Januar am Liechtensteinischen Gymnasium in Vaduz
Sehr geehrte Frau Regierungsrätin,
sehr geehrte Gäste und Lehrpersonen,
liebe Schülerinnen und Schüler,
sehr geehrter Herr Professor Lefkovits,
wir gedenken heute der sechs Millionen ermordeten Juden der Shoah. Ich freue mich insbesondere, dass Professor Lefkovits heute seine Überlebensgeschichte mit uns teilen wird. Doch dieser Gedenktag ist mehr als Erinnerung. Er ist ein Prüfstein für unsere Gegenwart.
„Nie wieder“ ist kein historischer Slogan. Es ist ein Auftrag an jeden von uns – heute, hier, in Europa und auf der ganzen Welt!
In den letzten Monaten ist uns schmerzhaft vor Augen geführt worden, wie brüchig dieses Versprechen geworden ist. Seit dem 7. Oktober 2023 erleben wir den brutalsten Mord an Juden seit dem Holocaust. Die Hamas hat nicht nur Menschen ermordet und dabei ganze Familien ausgelöscht, Kinder und Zivilisten verschleppt. Sie hat gleichzeitig einen globalen Propagandakrieg eröffnet – einen Krieg um Bilder, Begriffe und Deutungen.
Der 7. Oktober 2023 hat diese Entwicklung brutal offengelegt. Die Parole von der „Globalisierung der Intifada“ richtet sich nicht gegen Politik oder Staaten, sondern gegen Menschen, nur weil sie Juden sind. Wer heute Synagogen angreift, greift morgen Kirchen an – und übermorgen die Grundwerte der offenen Gesellschaft.
Gleichzeitig erleben wir eine beispiellose Verdrehung der Realität. Israel wird nach Massstäben beurteilt, die für keinen anderen Staat gelten. Die PR-Maschinerie der Hamas hat den Westen aus dem Gleichgewicht gebracht. Ein toter Kinderkörper im Bild wiegt schwerer als jede Wahrheit ausserhalb der Kamera. Leid wird zur Waffe missbraucht.
So wird aus Terror Propaganda und aus Propaganda politischer Druck. Der Antisemitismus und Judenhass ist heute vielerorts dort, wo er in den 30er und 40er Jahren und während der Shoah war: Boykottaufrufe gegen israelische Künstler, Chaos in Parlamenten, moralische Inszenierungen in Hollywood oder Boykottaufrufe beim Eurovision Song Contest. Dabei hat Israel in Gaza Massnahmen ergriffen, für die es in der modernen Kriegsführung kaum Präzedenzfälle gibt – Warnungen per SMS, Telefon, Flugblätter, humanitäre Korridore. Wo einzelne Soldaten Verbrechen begingen, wurden sie untersucht und bestraft. Hamas hingegen baut Tunnels unter Spitälern, feuert Raketen aus Schulen, macht ihre eigenen Kriegsverbrechen zur medialen Inszenierung. Nicht Israel, sondern die Hamas strebt einen Völkermord an: Ihr erklärtes Ziel ist die Vernichtung Israels und aller Juden weltweit.
Das ist keine Israelkritik. Das ist globalisierter Antisemitismus.
Dieser Krieg richtet sich nicht nur gegen Israel. Er richtet sich gegen Juden überall.
Wir sehen es von Island über Spanien bis Griechenland: Demonstrationen, auf denen „From the river to the sea“ skandiert wird – ein Ruf, der nichts anderes bedeutet als die Auslöschung des jüdischen Staates. Wir erleben Boykotte, Anfeindungen, Schmierereien an Synagogen und Friedhöfen, Einschüchterungen und Bedrohungen jüdischer Studierender.
Das ist keine Solidarität mit Gaza. Es ist Verfolgung von Juden.
Wir müssen den Mut haben, offen über die Ursachen dieses neuen Antisemitismus zu sprechen. Ein erheblicher Teil davon speist sich aus islamistischen, salafistischen und fundamentalistischen Ideologien, die mit den Grundwerten einer offenen, demokratischen Gesellschaft unvereinbar sind. Gleichzeitig ist festzustellen, dass gerade junge Menschen über soziale Medien wie TikTok zunehmend mit islamistischer Propaganda konfrontiert werden. Diese Inhalte wirken gezielt radikalisierend, auch dort, wo vor Ort weder Hassprediger noch organisierte extremistische Netzwerke aktiv sind. Ideologische Einflüsse aus dem Ausland sind auch in Liechtenstein über digitale Kanäle präsent und dürfen nicht unterschätzt werden.
Wer diese Problematik benennt, wird mitunter vorschnell des Rassismus bezichtigt. Doch die kritische Auseinandersetzung mit islamistischen Ideologien ist kein Angriff auf Muslime insgesamt, sondern eine notwendige Voraussetzung, um Antisemitismus zu bekämpfen und die offene Gesellschaft zu schützen.
Europa hat sich in einen moralischen Dämmerzustand zurückgezogen. Erinnerungskultur ist wichtig – Gedenktafeln, Kränze, Sonntagsreden. Aber sie wird zur wortlosen Hülle, wenn wir heute nicht handeln. Wenn jüdische Einrichtungen wieder unter Polizeischutz stehen müssen. Wenn jüdische Kinder nur noch bewacht zur Schule gehen können. Wenn jüdische Familien in Europa beginnen, über Auswanderung nachzudenken.
Dann haben wir nicht genug aus der Geschichte gelernt, zu wenig getan und Europa scheitern lassen!
Tödlicher Antisemitismus ist aber nicht nur ein Problem des Nahen Ostens und Europa, sondern eine Seuche, die um die Welt geht. Der brutale Anschlag im Dezember in Sydne am Bondi Beach, wurden jüdische Familien, die am Strand Chanukka feiern wollten, das Leben, das Licht – niedergemetzelt wurden. Auch dort waren Warnungen ignoriert worden. Auch dort hatte Politik zu lange beschwichtigt, statt zu handeln.
Antisemitismus ist kein Randphänomen mehr. Antisemitismus ist wie ein Chamäleon, das sein Erscheinungsbild ändert. Er ist auf den Strassen, an Universitäten, in sozialen Netzwerken, in Parlamenten angekommen.
Darum sage ich heute als Präsident der Liechtensteiner Freunde von Yad Vashem: Kleine Länder wie Liechtenstein haben eine besondere Verantwortung. Gerade weil wir klein sind, können wir klar sein. Weil wir überschaubar sind, können wir konsequent sein. Wir können Vorbild sein – für Europa und für die Welt. Der Kampf gegen Antisemitismus ist kein moralisches Ritual, sondern eine Frage politischer Entschlossenheit!
Das bedeutet:
Wir schützen jüdisches Leben nicht nur symbolisch, sondern real.
Wir setzen Grenzen – rechtlich, politisch, gesellschaftlich.
Wir zeigen Konsequenzen auf für antisemitische Hetze, für Gewaltverherrlichung, für Hamas-Propaganda.
Und wir gedenken den vielen Opfern des Holocausts und versuchen durch Zivilcourage zu verhindern, dass sich solch ein unbeschreibliches Leid je wiederholt!
Denn der Zustand jüdischen Lebens ist der Seismograf unserer Freiheit insgesamt. Wo Juden bedroht werden, geraten Meinungsfreiheit, Frauenrechte und Rechtsstaatlichkeit unter Druck.
Meine Damen und Herren, das „Nie wieder“ hat eine neue Dimension bekommen. Es ist keine Frage der Vergangenheit mehr. Es ist eine Frage unserer Gegenwart – und unserer Zukunft. Ihr Andenken verpflichtet uns. Nicht zu Schweigen. Sondern zu Haltung. Zu Mut. Und zu Verantwortung.









