Von Vorarlberg Tourismus beauftragte Studie zeigt wirtschaftliches Potenzial für Weiterentwicklung auf
Rund 7,5 Millionen Tagesgäste sind pro Jahr in Vorarlberg unterwegs. Sie geben für ihre Ausflüge insgesamt rund 400 Millionen Euro aus – ein Fünftel des touristischen Gesamtumsatzes in Vorarlberg. Das verdeutlicht eine Studie zum „Freizeit- und Naherholungstourismus in Vorarlberg“ der Universität St. Gallen, die Vorarlberg Tourismus in Auftrag gegeben hat. Sie liefert einerseits Grundlagen, wie die Wertschöpfung im Tagestourismus verbessert werden kann. Andererseits zeigt sie auf, wie die Branche sowohl die Standort- als auch die Lebensqualität Vorarlbergs stärkt.
Vorarlberg ist unbestritten ein beliebtes Reiseziel – sowohl für längere Aufenthalte als auch für Tagesausflüge: Zusätzlich zu den 9,3 Millionen Übernachtungsgästen waren im Jahr 2024 rund 7,5 Millionen Tagesgäste in Vorarlberg unterwegs. Rund die Hälfte davon sind Einheimische, gefolgt von Deutschen (30%) und Gästen aus der Ostschweiz sowie Liechtenstein (20%).
Der jährliche Umsatz des Tagestourismus (in der Fachsprache „Freizeit- und Naherholungstourismus“) liegt bei rund 400 Millionen Euro – ein Fünftel des gesamten touristischen Konsums. Das ergab die Studie zum „Freizeit- und Naherholungstourismus in Vorarlberg“, die das Institut für Systemisches Management und Public Governance der Universität St. Gallen im Auftrag der Vorarlberg Tourismus GmbH erstellt hat.
„Der Freizeittourismus ist ein wichtiger Teil der Vorarlberger Tourismusstrategie 2030“, sagte Tourismuslandesrat Marco Tittler bei der Präsentation der Studie. „Die Ergebnisse zeigen das wirtschaftliche Potenzial deutlich auf und liefern eine fundierte Grundlage, um den Tagestourismus gezielt weiterzuentwickeln und die Wertschöpfung zu erhöhen.“
Hohe Lebensqualität
Tagesgäste nutzen Bergbahnen, Bäder, Gastronomie, Kunst- und Kulturangebote und tragen damit zur Finanzierung und ganzjährigen Auslastung der touristischen Infrastruktur bei. „Die Stärkung des Tagestourismus wirkt sich somit positiv auf die Wirtschaftsleistung und die Standortqualität des Landes aus. Das spielt für heimische Betriebe eine wichtige Rolle, die Fachkräfte gewinnen und langfristig beschäftigen wollen, und kommt auch stark der Vorarlberger Bevölkerung zugute“, so Tittler.
Der Tourismuslandesrat sieht Potential vor allem in der Verlängerung der Wertschöpfungskette, zum Beispiel durch Kombiangebote. Diese können dazu führen, dass Tagesgäste zusätzliche Aktivitäten in Vorarlberg einplanen oder öfter ins Land zurückkehren. Die digitale Kommunikation bietet dafür vielfältige Möglichkeiten. Laufend gearbeitet werde bereits an attraktiven Bus- und Bahnangeboten zur leichteren Anreise, so Tittler. Die Ausweitung der V-CARD, die Erlebniskarte für Einheimische, die über 90 Ausflugsziele umfasst, werde als Ganzjahresangebot geprüft.
Rund die Hälfte der Tagesgäste sind Einheimische
Insgesamt kommen im Sommer deutlich mehr Tagesgäste (4,8 Mio.) als im Winter (2,7 Mio.), wobei fast die Hälfte aller Tagesgäste auf die Region Bodensee-Vorarlberg entfällt. „Hier spielt der Tagestourismus aus Süddeutschland nach Bregenz eine große Rolle – auch von Gästen, die am deutschen Bodenseeufer Urlaub machen“, so Studienautor Roland Scherer.
Während im Winter der Schwerpunkt klar auf Wintersport liegt, sind die Reisemotive im Sommer breiter gestreut: Die Tagesgäste genießen Kunst- und Kulturangebote und besuchen Sportveranstaltungen, sie gehen in die Berge und nützen Naherholungs- und Freizeitaktivitäten rund ums Wasser – vor allem am Bodensee.
Seilbahnen sind beliebtestes Angebot
Den weitaus größten Zulauf haben ganzjährig die Seilbahnen: Sie transportierten im Tourismusjahr 2023/24 insgesamt 5,8 Millionen Menschen. Der Anteil an Tagesgästen liegt im Sommer bei 35 Prozent und im Winter bei 57 Prozent. Bei den 60 Museen machten Tagesgäste im Sommer sogar 63 Prozent und im Winter 75 Prozent aus. Sie verzeichneten insgesamt 170.000 Besucherinnen und Besucher.
Insgesamt 370.000 Gäste besuchten laut Studie Kultur- und Sportveranstaltungen, davon 270.000 die Bregenzer Festspiele. Der Anteil an Tagestourist:innen lag bei durchschnittlich 48 Prozent – mit Ausschlägen nach unten und oben: bei den Bregenzer Festspielen waren es 39, beim Poolbar Festival 95 Prozent.
Weiterer Befund der Studie: Tagesgäste – insbesondere aus Deutschland – nehmen im Winter bis zu 2,5-stündige Anfahrten auf sich. Im Sommer beträgt die Anreise bis zu 80 Minuten. Schweizer Gäste bevorzugen kürzere Distanzen. Sie sind zu höchstens 90 bzw. 43 Minuten Anreise bereit. „Die Vorarlberger Skigebiete üben auf deutsche Gäste eine hohe Strahlkraft aus. Schweizerinnen und Schweizer bleiben zum Skifahren eher zuhause, wo sie ein vergleichbares Angebot vorfinden“, erklärt Scherer. „Folglich sind Marketingaktivitäten für den Winter in Süddeutschland vielversprechender als auf dem Schweizer Markt.“ Im Sommer ist Vorarlberg auch bei Schweizer Gästen ein beliebtes Tagesziel.
Inkludierte Bus- und Bahnangebote als Hebel
Ein wichtiges Kriterium für Tagesgäste ist die gute Erreichbarkeit, damit sie auch öfter in einer Saison anreisen. Sommergäste verbinden meist mehrere Ziele zu einer Tagesroute und nutzen dazu öfter die öffentlichen Verkehrsmittel als Wintergäste. Kombiangebote mit inkludiertem Bus- und Bahntickets sind daher ein Hebel, um Menschen die umweltfreundliche Anreise zu erleichtern und die Wertschöpfung zu steigern.
Potenzial sieht der Studienautor auch durch eine verstärkte ganzjährige Kommunikation und Marketingaktivitäten. Damit könnten Saisonspitzen entzerrt und Nebensaisonen besser ausgelastet werden. „Die Kommunikation an Einheimische und an Tagesgäste aus dem Grenzraum ist nicht nur Aufgabe der Tourismusorganisationen, sondern der gesamten Branche“, betont Scherer.
Angebote in die Auslage stellen
„Wir wollen die Wertschöpfung steigern, nicht die Besucherzahl. Unsere Zielgruppen sind bereit, für hochwertige Angebote mehr Geld auszugeben. Dazu brauchen sie Inspiration, Information und Service“, erläutert Christian Schützinger. Laut Studie der Universität St. Gallen ist die Bekanntheit von Angeboten mitausschlaggebend. „Sie müssen digital verfügbar und sichtbar sein. Das hilft, das Gästeaufkommen besser zu streuen“, ist Christian Schützinger überzeugt.
Hohes Potenzial sieht der Tourismusdirektor auch in Kombi-Angeboten, mit denen Besucherinnen und Besucher animiert werden, mehr in Vorarlberg zu unternehmen oder öfter zurückzukommen. „Menschen, die zum Wandern nach Vorarlberg kommen, wollen den Tag zum Beispiel mit einem Bergfrühstück in einer Hütte starten und vor ihrer Heimreise noch ins Hallenbad oder in einer der Städte einkaufen gehen. Bestenfalls ist die öffentliche Anreise inkludiert. Das lässt sich heute digital gut abbilden“, schildert Schützinger.
V-CARD für das ganze Jahr?
Ein Instrument zur zeitlichen und räumlichen Besucherlenkung ist die V-CARD. Das Erfolgsprodukt von Vorarlberg Tourismus gibt es seit 20 Jahren und erfreut sich kontinuierlich steigender Beliebtheit: 2025 wurden mit rund 22.000 Stück knapp 15 Prozent mehr Erlebniskarten verkauft als im Vorjahr. Gültig ist sie aktuell von Mai bis Oktober für mehr als 90 Ausflugsziele sowie Bonuspartner. Vorarlberg Tourismus prüft nun eine Ausweitung auf das gesamte Jahr.
Bei allen Freizeitangeboten werden Gäste konsequent über die Anreisemöglichkeiten mit Bus und Bahn informiert. Laut Gästebefragungen verfügt Vorarlberg – nach Wien – über das österreichweit beste öffentliche Verkehrsnetz. „Damit kann Vorarlberg punkten“, meint Schützinger. Vorarlberg Tourismus arbeitet eng mit Land und Verkehrsverbund zusammen, um Rückmeldungen von Gästen und Betrieben zu Taktungen und Betriebszeiten zu berücksichtigen. Weiter ausbauen will Schützinger auch Freizeitangebote mit inkludiertem ÖPNV-Ticket.
Grundlage für Weiterentwicklung
Digitalisierung ist eine weitere Aufgabe von Vorarlberg Tourismus. Empfehlung aus der Studie: Daten aus unterschiedlichen Quellen zu sammeln, zu ergänzen und ein Monitoring zu etablieren. „Wir wollen die Datenbasis weiter ausbauen. Eine valide Datengrundlage ermöglicht uns, die Entwicklung des Freizeittourismus im Blick zu haben. So können wir Aktivitäten laufend prüfen und den Tagestourismus – im Sinne der Bevölkerung – nachhaltig gestalten“, erklärt Schützinger.
