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Start Meinung gsi.kolumne

Lob der Faulheit – Warum wir alle weniger arbeiten sollten.

von Red
7. Juli 2022
in gsi.kolumne
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Von Albert Wittwer

Die Arbeitslosenzahlen sinken, die Betriebe suchen Fachleute. Leider seien die (bloß für einen genügsamen Menschen ausreichenden) Pensionen bald unfinanzierbar. Wir werden angeblich zu alt. Also länger in der Erwerbsarbeit bleiben, in Deutschland demnächst bis ins zarte Alter von 68 Jahren?

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Probieren Sie mal, einen neuen Job zu kriegen, wenn Sie, sagen wir das aus meiner Sicht bescheidene Alter von Fünfzig erreicht haben. Sehen Sie!

Ich weiß, ich bewege mich hier auf dünnem Eis. Trägheit gehört zu den sieben Hauptsünden. Aber was ich meine ist bezahlte Arbeit. Und die Sünde handelt wohl von der Trägheit des Herzens.

Bis ins späte 19. Jahrhundert mußten gut neunzig Prozent der halbwegs arbeitsfähigen Bevölkerung einschließlich der Kinder in der Landwirtschaft und im Gewerbe schuften, damit wir annähernd genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf hatten. Der Rest war Regierung, Beamte, Kanzlisten. Heute arbeiten in der österreichischen Landwirtschaft einschließlich aller Selbständigen und Familienangehörigen weniger als 400.000 Menschen, also knapp ein Zehntel der Erwerbstätigen. Und es wird kräftig exportiert. Aber das „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, verfolgt uns bis heute.

Der amerikanische Erfinder Benjamin Franklin meinte, vier Stunden Arbeit täglich sei genug. Der bedeutende Ökonom John Maynard Keynes sagte für das Jahr 2030 voraus, wir würden immerhin noch fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten. Karl Marx hielt es für realistisch, daß alle Menschen die Zeit haben würden, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Im Jahre 2020 hat die österreichische Regierung auf Wunsch der sogenannten „Wirtschaft“ die zulässigen Höchstarbeitzeiten verlängert.

Wir lernen nichts dazu. Die Automaten und Roboter erledigen zwar viel Arbeit und die Menschen, denen sie zumeist über Aktienbesitz gehören, kassieren den Mehrwert. Der ATX, Leitindex der Börse Wien, stieg im Jahr 2021 bisher um dreiundzwanzig Prozent. Zusätzlich werden Dividenden ausgeschüttet. Um wieviel verdienen Sie heuer mehr als im letzten Dezember?

Dazu kommt: Wenn manche bullshit-Jobs wegfallen, wird es uns allen besser gehen. Weniger abrahmen, weniger Umweltbelastung mit absurden Produkten. Wie kann man das in ein politisches Programm übersetzen? Zuerst müßten wir wohl unsere sogenannte Arbeits-Moral revidieren. Sonst wählen wir wieder wie bisher.

„Übertriebene Arbeitslust ist eine Folge ungewöhnlicher Trägheit des Herzens, den göttlichen Gedanken zu entwickeln, der im Menschen angelegt ist, also vor sich selbst zu fliehen und feige seiner Bestimmung auszuweichen, die darin liegt, als Ebenbild eines persönlichen Gottes zur Freiheit als Person zu finden.“ Augustinus, gestorben 430, Bischof von Hippo.

Tags: Albert Wittwer
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